Testberichte

Im Test: Kletterschuh-Reparaturset Five Ten Stealth Paint Kit

20.06.2012

Im Test: Kletterschuh-Reparaturset Five Ten Stealth Paint Kit

Um es kurz zu machen: Der Five Ten Stealth Paint Kit ist ein Set zum Anpassen von Kletter- oder auch Bergschuhen, sowie für Reparaturen im Sohlenbereich durch modellierbare Gummi/Kleber-Komponenten. Angesichts des Verarbeitungsaufwandes und erforderlichen handwerklichen Geschicks, sowie davon empfindlich abhängiger Leistungsfähigkeit (Reibungswerte und Lebensdauer der Gummierung) ist das Five Ten Steahlt Paint zum reparieren der Kletterschuhe nur bedingt zu empfehlen. Eher der Bastel-freudige Material-Tuner und Experte wird seinen Spaß daran haben. Professionelle Kletterschuh-Reparatur/ Neubesohlung durch den Schuster des Vertrauens oder über den Sportfachhandel macht als unmittelbare Alternative zur eigenen Bastelei in vielen Fällen mehr Sinn. Die arbeitsteilige Organisation unseres Zusammenlebens hat schon ihre Gründe…

Five Ten Stealth Paint Kit – Lieferumfang

Ein Paar Details mehr

Hook-schrubb und im Nu: Ein Loch ist im Schuh. Wer viel an reibungsstarken Hallenwänden klettert oder auch sein Material über reibungsintensive Boulder schrubbt, schaut auf freie Zehen, deutlich bevor der Geruch von Schuh-Flora&Fauna zur Entsorgung der Kletterpatschen aufruft.

Dabei… den allgemeinen Schuhverfall kann man gut herauszögern durch konsequentes Lüften der Patschen und Lagerung mit passenden Schuhspannern. Außerdem kann man zwischen den Routen Fuß und Schuh lüften und nach dem Klettern die guten Stücke aussen am Rucksack baumelnd spazieren tragen – auch das hält das Material in Schuss.

Spannung hält den Schuh in Form

Ein derart gepflegter und qualitativ hochwertiger Kletterschuh lässt sich ohne Weiteres erneut besohlen. Bei der Neubesohlung wird meist die gesamte Vorderfußsohlenplatte ersetzt und möglichst modellgerecht eingeschliffen, wobei bei einem guten Schuster die Patschen nicht viel Formänderung erfahren oder Trittpräzision einbüßen. Das ist eine Operation, für die professionelle Anbieter etwa 20-25 Euro pro Paar Schuhe verlangen. Die Lebensdauer einer guten Zweitsohle kommt der einer Erstsohle gleich. Gefragt ist je nach Anbieter allerdings auch die Geduld, auf die Reparatur ein paar Tage oder Wochen auf die Leistung zu warten.

Wer allerdings ein zweites Paar Kletterschuhe besitzt harrt der Dinge entspannt und freut sich hinterher, der Wegwerfmentalität ein Schnippchen geschlagen zu haben. Spätestens nach der zweiten Neubesohlung sind Kletterschuhe meist gegenüber Neuzustand schon vom Obermaterial her deutlich weicher und daher eher gute Bequemschuhe für den alpinen Einsatz, für lange und weniger an der Leistungs(tritt)grenze kratzende Kletterei. Gegeben diesen langen Nutzungshorizont lohnt sich die erstmalige Neubesohlung allemal, wenn ein Schuh “richtig durch” ist. Die Frage wäre nur – kann man das selbst genauso gut oder auch günstiger bewerkstelligen?

Die Patienten – in Bauchlage mit Löchern an den Zehen

Außerdem – was ist, wenn ein Schuh nur punktuelle Schäden aufweist, etwa das bekannte Zehenloch? Da müsste es doch was zum Flicken geben, denkt man sich – wie beim Fahrradschlauch. Was ist, wenn man spezielle Anforderungen hat, wie etwa Fein-Tuning von Kletterschuhen zum Bouldern, Rissklettern oder Ähnliches? Hier wird es gegebenfalls auch schwer, im Umkreis einen Anbieter zu finden, der solche Individualwünsche passend und bezahlbar umsetzen kann.

Vielleicht hat man in diesem Zusammenhang schon mal vom Five Ten Stealth Paint gehört. Dabei handelt es sich um selbst anmischbare Kleber/Gummipartikel-Komponenten, die bis zur Aushärtung am Schuh frei modelliert werden können. Five Ten bewirbt das Produkt im Beispiel zur Optimierung von Kletterschuhen zum Rissklettern (Gummierung Oberfußbereich), also Reibungsverstärkung spezieller Partien (Fersenbereich), sofern bislang unzureichend gummiert – siehe das Five Ten Produktvideo.

Drei wesentliche Anwendungsszenarien seien hier angeführt zur Kosten/ Nutzen-Abwägung, ob sich Stealth Paint empfehlen lässt.
Fall 1: Selbst-Neubesohlung – alternativ zur professionellen Neubesohlung (über Schuster des Vertrauens oder über Sportfachhandel).
Fall 2: Klein-Reparaturen (Zehenloch, sich lösende Gummilippen) – alternativ zum Schuster.
Fall 3: Individualisierung/ Tuning (z.B. Oberseitengummierung für Rissklettern/ Bouldern) – alternativ zum Schuster oder Anschaffung eines speziellen Zweitschuhes.

Entscheidend in der Bewertung von Kosten und Nutzen ist in jedem Fall das handwerkliche Können in der Anwendung, denn es bestimmt einerseits den zeitlichen Aufwand, anderseits die Stabilität des Neuaufbaus und die Reibungswerte des Schuhs im späteren Einsatz. Zur Illustration sei ein Beispiel gegeben am wahrscheinlich interessantesten Fall, der Kleinreparatur, für “Schuhtuning” sei auf Five Ten Produktvideo verwiesen.

Stealth Paint in der Anwendung

Gearbeitet werden sollte nur an sehr gut belüftetem Ort – Klebedämpfe sind bekanntlich mitunter recht gesundheitsgefährdend. Auch Geduld sollte vorhanden sein – man sollte die zu reparierenden Schuhe respektive Partien wirklich nacheinander bearbeiten, da die Gummimasse rasch verarbeitet werden muss, bevor sie auszuhärten beginnt.

1. Schuh auspolstern mit Zeitungspapier oder auch Schuhspanner, so dass im Anwendungsbereich möglichst keine Hohlkammern bleiben. Das erleichtert später präzises Andrücken und Modellieren der Gummipaste. Gegebenenfalls Randbereiche mit Tesa-Band abkleben.
2. Schuh reinigen von Schmutz und Fettrückständen, damit die Applikation auch sauber anhaftet. Schuh trocknen lassen.
3. Schuh im Anwendungsbereich anrauhen, analog zum Anschleifen beim Fahrradschlauchflicken mit Schleifpapier grober Körnung oder altem Messer mit geriffelter Schneide. Bei Löchern die Lochränder entgraten und gut anrauhen.
4. Klebeschicht dünn über den gesamten Anwendungsbereich auftragen, gegebenenfalls auf Eindringen in Löcher achten, und für Übergangszonen zum Altmaterial eher großflächig als zu kleinräumig arbeiten. 5-10 min einwirken lassen, dabei vor Schmutz abschirmen.
5. Kleber und Gummipartikel im empfohlenen oder selbst optimierten Verhältnis anmischen – am besten mit dem mitgelieferten Stab in einem (nicht mitgelieferten) kleinen Plastikschälchen vermengen (Bedienanleitung im Kit schlägt den Deckel der Gummipartikelbox vor, dann ist diese aber nicht wiederverwendbar für weitere Anwendungen). Gut durchmischen! 30 Sekunden Warten.

Rasche Grobverteilung mit Rolle oder Einmalhandschuhen – Feinmodellierung danach mit dem Rollstab – Geschick gefragt!

6. Zügig die angesetzt Melange großflächig verteilen – der mitgelieferte Plastikstab ist hier etwas unhandlich, besser mit kleiner Plastikrolle oder mit Einmalhandschuhen (ohnehin zum Schutz der Finger sinnvoll) verteilen, bevor die Masse bereits zäh wird.
7. Feinarbeit durch Rollen bei hohem Anpressdruck mit dem Plastikstab. Eine Fixierung des Schuhes hierbei durch z.B. einen Schraubstock kann hilfreich sein, um die neue Merino-Hose nicht gleich mit zu verkleben.
8. Aushärten lassen, am besten frei hängend. In Anleitung empfohlene Wartezeit eher über- als unterschreiten. Bei dickem Auftrag ist Verformung auch noch 24 Stunden später leicht möglich! Bei sehr starken Aufbaubedarf in Schichten arbeiten. Insbesondere ist Stealth Paint Kit kein “Schnellreparaturset”!
9. Je nach Perfektionsdrang nach Aushärtung glätten/ entgraten mit Teppichmesser oder auch Abschleifen mit Schleifpapier oder Schleifrad an der Bohrmaschine.
10. Restmaterial sauber verstauen – Luftreste aus Klebertube pressen, um ungewolltes Aushärten zu verhindern.

Nach der Operation ist vor dem Klettern

Fazit – “je nachdem…”

Man sieht – es stinkt, schmutzt, dauert und hinterher sieht es erstmal auch recht selbstgemacht aus. Wer unsauber arbeitet, hat nach 3 Tagen Klettern den Anbau wieder lose in der Hand. Gut gemischt, gut verarbeitet aber hält der Sohlenaufbau einige Tage Wandarbeit aus; Aufbau an der Schuhoberseite haftet auf üblichem Leder besser an und hält länger. Die Reibungswerte der neu aufgebauten Partien sind gut, allerdings leidet die Antrittspräzision je nach handwerklichem Geschick. Insbesondere ist der Neuaufbau in dickerer Schicht sehr weich und eignet sich dann kaum mehr zum Sportkletterantritt an kleinen Strukturen. Für den Gebrauch als Alpin-Patschen aber reicht die Präzision gut – das Material spricht auch bei absoluten Reibungsantritten gut an, allein die Trittpräzision auf kleinen Leisten lässt wegen der geringeren Härte des Stealth Paint etwas nach.

Nach drei langen Alpintouren – kein Schönheitspreis, aber läuft gut.

Das mitgelieferte Material reicht für eine komplette Neubesohlung (je Paar Schuhe), 2-4 teilweise Aufbauten (je Paar, z.B. nur Zehenkappe wie in der Photostrecke), zahlreiche kleinere Klebearbeiten bei sich öffnenden Gummilippen. Bei Beschichtung/ Individualisierung der Oberfläche reicht meist dünnere Schicht, je nach Fläche also mehrere Anwendungen. Bei einem Produktpreis von rund 20.- € kostet Fall 1 also im Schnitt 20.-€, Fall 2 5-10.-€, Fall 3 5-20.-€. Rechnet man seine Arbeitszeit mit ein, sowie den Umstand, dass der Abrieb schneller erfolgt als bei Neubesohlung durch den Profi, so ahnt man, dass sich die Anwendung im Fall 1 nicht lohnt.

Im Fall 2 lohnt sich die Kletterschuh Selbstreparatur mit dem Five Ten Stealth Paint Kit auch nur teilweise – meines Erachtens jedenfalls beim Schließen sich öffnender Gummilippen, Ausbessern einzelner Kerben oder kleinräumigem Sohlenaufbau an kleinen Löchern – vorausgesetzt handwerkliches Geschick/ Spass. Einen wirklich scharfen Sportkletterschuh allerdings wird man beim Sohlenaufbau kaum im ersten Versuch herstellen. Realistisches Ziel dürfte sein, einen durchgekletterten Schuh als günstige Alternative für nicht zu schwere Routen an rauhen Hallenwänden oder bequemen Alpinschuh aufzuwerten.

Anwendung im Fall 3, der eigentlich von Five Ten beworbene, dürfte sich dagegen lohnen gegenüber Spezialauftrag an einen Schuster – Individualwünsche sind auch beim Profi meist teuer; und wenn die Wünsche sehr speziell sind, dann dauert Erklären vielleicht ähnlich lang wie ein Selbstversuch. Einen Blick auf aktuelle Schuhmodelle sollte man dennoch vorab riskieren – vielleicht gibt es zwischenzeitlich die gesuchte eierlegende Wollmilchsau schon am Markt.

Diese Abwägungen, ob sich die Anwendung von Stealth Paint, d.h. das Kletterschuhe selbst reparieren, “lohnt”, führen eigentlich zur Kernfrage, ob man einen Schuster in Reichweite hat, der die Anforderungen des Klettersports versteht, solide verarbeitet und zudem faire Preise macht.

Dies auch als eine Anregung zu Diskussion, Austausch von Tipps und mehr! – Einstweilen viel Spaß beim Klettern und Kraxeln!

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