Reise

Winter Trekking in Patagonien

11.06.2012

Winter Trekking in Patagonien

die kargen Weiten Patagoniens

Patagonien – da dachte ich immer an extrem schlechtes Wetter, Regen, Wind, Kälte und Tage, die man nur im Zelt sitzt um auf besseres Wetter zu warten, wenn es denn kommt. Patagonien im Winter? Das war in meinem Kopf eine Steigerung aller eben aufgezählten Unannehmlichkeiten. Bis jetzt! Wir sitzen im Flugzeug von Santiago de Chile nach Punta Arenas und genießen den grandiosen Ausblick auf die gesamte Andenkette bei herrlichem Sonnenschein. So kann der patagonische Winter sein, oder? Als wir in Punta Arenas aus Bus steigen, weht allerdings schon ein anderer Wind, im wahrsten Sinne des Wortes. Warum steckt meine lange Merinounterhose eigentlich so tief unten im Rucksack – frage ich mich, als wir uns die Zeit am Hafen vertreiben, bis unser Bus nach Puerto Natales abfährt. Unterwegs bewundern wir die bizarre Landschaft, die da draußen an uns vorbeizieht. Dass hier die meiste Zeit des Jahres ein ungemütlicher Wind weht, sieht man an den vielen kargen Bäumen, die regelrecht schief aus dem Boden wachsen. Daneben gibt es ein paar niedrige Büsche, vereinzelte Häuser am Weg und sonst – einfach nichts! Als es immer dunkler wird, nicke ich ein und der erste Tag im patagonischen Winter geht zu Ende.

Puerto Natales

Das Gute am Winter in Patagonien ist, es ist Nebensaison, das heißt, es ist ausgestorben und die Hostelbesizer warten am Busbahnhof auf Gäste. So werden wir von einem der sonst unangenehmen Hotelschlepper abgeholt, können einen guten Preis verhandeln und beziehen ein gemütliches Zimmer mit Heizung im fast leeren Hostel. Wir treffen einen Australier und einen Russen, die vom Trekking zurück sind und über viel Schnee und teils unpassierbare Wege erzählen. In Puerto Natales decken wir uns mit Lebensmittel ein und organisieren den Transport in den Torres del Paine Nationalpark. Letzteres ist nicht ganz einfach, denn das von Einheimischen empfohlene Busunternehmen ist geschlossen oder macht den ganzen Tag siesta. Zum Glück finden wir andere Unternehmen und buchen einen Platz im Minivan für den nächsten Tag. Während in der Hauptsaison täglich mehrere Busse in den Park fahren, gibt es in der Nebensaison nur wenige und diese sind noch dazu teuerer als im Sommer.

Vikunjas gehören zur Familie der Lamas

Am nächsten Tag um 6 Uhr Früh stehen wir im Regen vor unserem Hostel und warten auf den Bus. Dort treffen wir noch vier andere einsame Wanderer, die ebenfalls mit Rucksack unterwegs in den Park sind. Die berühmte Trekkingrunde um das Torres del Paine Massiv nennt sich „W“, weil die Rute auf der Karte wie ein „W“ aussieht. Wir haben uns fünf Tage vorgenommen, man kann es theoretisch aber auch schneller schaffen. Als wir auf der Busfahrt zum Tee stoppen und wir uns um das offene Feuer im Cafe kauern, wird mir bewusst, wie kalt es hier eigentlich ist. Doch das Wetter ist besser geworden, die Sonne blinzelt ab und zu hervor und so steigen wir optimistisch zur Weiterfahrt ein. Schon am Weg begegnen wir vielen grasenden Vicunas und seltsamen Vögeln. Am Nationalparkeingang muss man sich registrieren, Eintritt zahlen, bekommt eine Karte und kann sich über die Wegverhältnisse informieren. Der Wetterbericht verspricht nichts Gutes, aber wir steigen noch immer optimistisch in den Van und lassen uns zu unserem Startpunkt bringen. Dort schultern wir die Rucksäcke und ziehen los auf gut markierten Wegen Richtung Lago Pehoe, unserem ersten Zeltplatz. Das Massiv der Cuernos del Paine zeigt sich ab und zu zwischen den Wolken und spiegelt sich im Lago Pehoe, bis es wieder zuzieht und wir alleine sind. Nur der Andencondor zieht schon seit einigen Minuten seine Kreise über unseren Köpfen. Bei jedem Stopp ziehe ich eine Schicht mehr an und da es wegen dem aufkommenden Wind immer kälter wird, fallen unsere Pausen nicht lange aus. Der Rucksack sitzt schwer und wir sind erleichtert, als wir den Campingplatz am türkiesblauen Lago Pehoe erreichen. Paine beschreibt in der Sprache der Ureinwohner einen Blauton und gemeint ist die Farbe der vielen Seen im Nationalpark. Und obwohl es bewölkt ist, hat der See eine faszinierende Farbe. Das Refugio Pehoe ist mit einem Luxushotel am anderen Ende des Parks die einzige offene Herberge in der Nebensaison und, als wir die saftigen Preise für ein Zimmer sehen, sind wir froh, dass wir unser Zelt in der freien Natur aufschlagen. Hier schlafen in der Saison massenweise Leute und der riesige Zeltplatz am See ist voll. Jetzt sind wir die einzigen Wagemutigen, einige Wanderer treffen wir noch im Speisesaal, dessen Küche wir benutzen können – ist ja nichts los, meinte der Besitzer.

Trekking zum Getscher Grey

Nach einer sehr windigen Nacht starten wir heute bei wechselhaftem Wetter zu einem Tagesausflug zum Gletscher Grey los. Die dunklen Wolken ignorieren wir und bis zum Gletscher haben wir kaltes aber gutes Wetter. Kein Mensch außer uns ist unterwegs und so genießen wir die Freiheit am Ufer des Gletschersees. Am Rückweg zeigt Patagonien dann, was es am besten kann, nämlich regnen und nach drei Stunden im strömenden Regen ist meine Motivation am Ende und meine Regenhose, die mich sonst noch nie im Stich gelassen hat, musste auch enttäuscht aufgeben. Nass und durchgefroren erreichen wir die Herberge, unser gutes Zelt trotzt draußen dem Regen. Der nette Besitzer macht den Ofen an und so trocknen wir unsere Sachen und wärmen uns auf, bis wir endlich müde ins Zelt fallen.

Am Ziel: die Torres del Paine

Am nächsten Tag schultern wir die Rucksäcke und ziehen weiter zum Gletscher Frances, der sich nicht oft zeigt, weil es zu bewölkt ist. Man hört aber dauernd wie sich das Eis bewegt. Am Rückweg gibt Patagonien wieder alles, diesmal mit extrem starkem Wind, der mich trotz meines 13 kg Rucksacks fast umhaut. Besonders am Weg zu unserem Zeltplatz am Lago Nordenskjold stürmt es mit unglaublicher Kraft, dass sich sogar kleine Windrosen über dem See bilden. Beim Abendessen macht sich allmählich ein wenig Frust bemerkbar. Keine Frage, dass die Landschaft hier trotz schlechtem Wetter beeindruckend und faszinierend ist, doch die Torres del Paine, jene berühmten drei Felsnadeln liegen nicht mehr weit weg und wenn es so weiter geht, dann können wir sie in Google anschauen, aber nicht live hier in Patagonien. Am nächsten Tag als ich aufwache ist es einfach still. Kein Regentropfen, der aufs Zelt hämmert, kein Wind, der an den Wänden rüttelt. Ich öffne den Reißverschluss und schaue in einen klaren, blauen Himmel. Eilig packen wir unsere Sachen und wandern hoch motiviert weiter. Der blitzblaue See, die Cuernos del Paine, die traumhafte Landschaft in ihren seltsamen Farben – ein Genuss! Gegen Mittag laufen wir schon im Leibchen und schmieren uns mit Sonnencreme ein – so kann es weiter gehen. Zu den Torres del Paine ist es noch ein langer Weg und eigentlich wollten wir erst morgen von unserem nächsten Camp, dem Camp Torres losstarten, aber mit so einem Schönwettertag wie heute wollen wir nichts anbrennen lassen und geben ordentlich Gas. Am Nachmittag kommt wieder stürmischer Wind auf, der stellenweise nicht ungefährlich ist, da man Geröllfelder passiert, wo von oben kleinere Gesteinbrocken nach unten geschleudert werden. Nachdem wir unser Lager im Camp Torres aufgebaut haben, starten wir am Spätnachmittag Richtung Torres del Peine. Hier ist der Schnee schon knietief und obwohl es Spuren gibt, ist der Aufstieg mühsam, besonders nach so einem langen Tag. Es zieht ein bisschen zu aber nach etwas Anstrengung erreichen wir doch noch überglücklich die Torres del Paine. Mit dem ungemütlichen Wind, den umherziehenden Wolken und der menschenleeren Gegend wirken die Gesteinriesen geheimnisvoll und unbezwingbar. Nach einer ausgiebigen Fotosession, machen wir uns an den Abstieg und erreichen knapp vor Dunkelheit unser Lager, wo wir den Tag mit einem Pastafestessen beenden. Am naechsten Tag wandern wir zurueck zum Nationalparkeingang, es ist natürlich bewöklt eigen sich die Torres noch einmal von der Entfernung nd wir genießen die herrliche Aussicht und den schönen Abschluss unserer Tour.

Fazit: Patagonien in der Nebensaison hat für uns nur Vorteile. Man spart an der Unterkunft, es ist weniger los und das Wetter ist genau so gut oder schlecht wie im Sommer. Wir haben von Leuten gehört, die Mitten im Winter hier waren und eine Woche traumhaften Sonnenschein hatten und Leuten, die im Sommer nur Regen hatten. Auch, wenn unser Wetter nicht perfekt war, die Torres del Paine im solch einer Einsamkeit zu umrunden war einfach einmalig.

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*