Alpin

Scheffauer Nordwand - in klassischer Kaiserführe

24.05.2012

Scheffauer Nordwand – in klassischer Kaiserführe

Frösteln und Frotzeln

“Geh weida, wo is’n da oben bitte des Problem? … Ich frier mir hier gleich die Haxn ab!” Keine Antwort. Das Kletterseil bewegt sich weiterhin nur zentimeterweise. Vor, wieder zurück. “Machst Du grad Brotzeit?” Wiederum keine Antwort. Kaum überraschend allerdings, denn ich habe mich nicht besonders laut artikuliert, von meinem hinter der Krümmung der Wand verborgenen Standplatz aus. Kippender Kalkhorizont verstellt Auge und Ohr die Luftlinie, Waschbeton-artig glatte Platte im Profil, fast unwirklich, von gerade fußbreitem Riß leicht ansteigend durchzogen.

Blick nach Osten in der glatten Ostler-Platte

Blick nach Osten in der glatten Ostler-Platte

Sorgen mache ich mir keine, denn das Gelände, in dem mein Bruder da oben gerade steht, ist mir bekannt als zwar unübersichtlich, aber nicht heikel. Wäre es ernst gewesen, hätte ich ihm wirklich etwas bis ans scharfe Ende des Seiles hoch mitteilen müssen, so hätte ich schon lauter geschrien. “Schön, da oben…?” Er soll sich ruhig umschauen. Es ist in diesen letzten Novembertagen zwar tatsächlich so kühl, dass meine Trietzerei von Atemwölkchen begleitet aufsteigt. So, dass die Zehen und Finger in der schattigen Scheffauer-Nordwand etwas kribbeln. Immerhin – nur in ein, zwei Winkeln liegt Schnee, fast überall ist der Fels trocken. Aber ich grantle ohnehin eher des kulturellen Kolorites wegen, bei eigentlich bester Laune. Freude erfüllt mich doch, indem wir zwei uns recht komplikationsfrei einen bescheidenen Traum für das Saisonfinale erfüllen, als Seilschaft.

Blick gipfelwärts, zum kleinen Überhang über der Ostlerplatte

Blick gipfelwärts, zum kleinen Überhang über der Ostlerplatte

 

in Szene gesetzte Glätte - Blick über die Platte hinab zum Wandfuß

in Szene gesetzte Glätte - Blick über die Platte hinab zum Wandfuß

“Schöne Schlinge!” In Hörweite, zum Stand meines kleinen Bruders nachsteigend, freue ich mich über seine solide Sanduhrfädelei. Ich hoffe mein Kommentar von unten herauf kam nicht als allzu von oben herab herüber, gönnerhaft gemeint war er sicher nicht. Nein, mein Bruder strahlt und wirkt auch recht zufrieden. Auch noch ein wenig aufgeregt von der Suche nach dem nun bezogenen Standplatz. Den Punkt seines Zögerns verorte ich ein paar Meter darunter, an einer Stelle im Routenverlauf, von welcher aus augenscheinlich mehrere Richtungen weiter gangbar wären. “Auch nicht langweilig, oder, dieses Flachstück…”, rufe ich hoch. “Gott sei Dank griffig und fest…”, schallt es zurück.

im Quergang nach Westen oberhalb der Ostler-Platte

im Quergang nach Westen oberhalb der Ostler-Platte

Die letzte Zwischensicherung in diesem leichten, aber optisch doch recht ausgesetzten Gelände sammle ich einige Meter unter dem Stand ein. Ich hänge mir die vernähte Bandschlinge schräg über, lasse den Karabiner an meinem Klettergurt einschnappen. “Boah, ich wußte grad einfach nicht mehr genau, wo es hingehen soll. Trotz Topo in der Brusttasche. Ganz schön spannend, doch, irgendwie.”“Sowieso!”

Wir haben einen soliden Standplatz an zwei Klebehaken und lassen, die Finger knetend, den Blick über die gigantische graublaue Ostlerplatte zum Wandfuß fallen. Was für ein Anblick, welche Laune der Natur! Welches Gefühl muss es für Ostler anno dazumal gewesen sein, sich der Möglichkeit gewahr zu werden, hier als erster hindurch zu steigen?

Der Blick zieht wieder hoch über die Glätte, streift am überhängenden Abbruch der Wand entlang, in steileres, aber immer noch gnädig strukturiertes Gelände. Da vorn ist doch was, auf Hüfthöhe an der Wand – buntes Altschlingenmaterial, durch UV-Einwirkung schon etwas ausgeblichen, macht auf eine massive Sanduhr aufmerksam. Wir balancieren, an der Sanduhr zwischengesichert, vorsichtig gebückt an der Wand entlang weiter nach Westen. So tasten wir uns, einer nach dem anderen, vor zur nahen Schlüsselstelle der ersten Mehrseillängentour meines kleinen Bruders durch eine mehrere hundert Meter Höhe messende Alpenwand.

Im leichten Fels? – In historischem Gelände!

Nein, schweres Gelände ist es im rein klettertechnischen Sinne natürlich nicht. “Mir san ja ned zum Bouldern da.” feixen wir zwischendurch in einer schrofigen Gehpassage.

Auf Suche nach Sportkletterproblemen verirrt sich niemand in klassische Routen wie eben die Ostler-Führe im Wilden Kaiser. Diese Linie durch die 400m hohe Nordwand des Scheffauers (2111m) erschloss J.Ostler 1903 im Alleingang. Es handelt sich großteils um Gelände im alpinen Grad III, viel auch II. Trotzdem steht in den Führern IV. Zurecht – die zwar nur mannhohe, aber überhängende Schlüsselstelle über der großen, nach Ostler benannten Platte, welche die Linie kühn durchzieht, hat es in sich. Sie erfordert einen komplexen Spreiz-Stütz-Zug oder etwas in der Art, mit einiger Luft unter den Sohlen. Aber ist Klettertour schon ein anachronistischer Begriff dafür? Mit Ausnahme besagter Schlüsselstelle, ist es doch mehr Steigen, Stemmen, Schauen, Suchen, Ahnen, Basteln, Ausdauerarbeit als Dynamo an Fingerloch, Maximalkraftzug an Mini-Leiste und Heelhook. Mehr Rucksack als Magnesium.

Hierhin zieht es, wen es nach einer zwar längeren Wand verlangt, aber auf ruhigerem Weg, ohne viel Infrastruktur, ohne Klettergartennambiente am Wandfuß. Wer eher atmosphärisches Gesamterlebnis sucht. Mit mehr Suche nach eigenem Weg in der Vielfalt möglicher Wege. Mit mehr eigenständiger Absicherungsverantwortung. Bei möglichst moderaten Gefahren. Auch wer vom Bergsteigen kommt und seinen Horizont aus der Welt des ersten und zweiten auf die einsamere Welt des dritten und vierten Grades ausdehnen will. Wer nicht ganz zustiegsscheu, oder sogar steigfreudig ist. Wer eher einen Gipfel als die sportliche Kletterschwierigkeit sucht. Ist, was wir heute unternehmen, eher Bergsteigen mit Seil als Klettern? Das Bergerlebnis samt Gipfel ist jedenfalls eigentliches Ziel, das Klettern dabei Methode nach Wunsch, nicht Selbstzweck, auf welchen allein sich Ehrgeiz erstreckt.

Mit geht es in solchem Gelände auch ein wenig um Nachfühlen historischer Bergsteiger-Abenteuer, mit etwas nostalgischem Schwärmen in felsarchitektonisch spannender Kulisse… Steigen auf Spuren aus der Eroberungszeit eines Enzensperger, Leuchs oder eben Ostler. Auf Linien, die in freier Kletterei, oft im Alleingang, vor über hundert Jahren schon erkundet worden sind. Wunderbare Relikte aus einer Epoche der Klettergeschichte, zu der man so vieler Epochen Wegmarken und Meilensteine im Wilden Kaiser findet.

moderne Reibungsfinken und nostalgische Rostgurken

moderne Reibungsfinken und nostalgische Rostgurken

Wie komplex, wie spannend ist doch die Geschichte des Kletterns, wenn man nachblättert, was sich hinter den Namen am Rande der Topos für Geschichten, Auseinandersetzungen, Entwicklungen verbergen… Erkundungs- und Eroberungsalpinismus. Freikletterurväter. Mauerhaken. Materialentwicklung – von Hanf bis Nylon, Reibungsschuhe, Gurt und Steinschagschutzhelm! Wer vermisst heute den “Genuss”, mit zeitungspapiergefütterten Filzhut im Dülfersitz an biologisch abbauendem Strick und aus der Vorhangstange selbst geschmiedetem Haken abzuseilen? Immer weiter entwickelte sich das vertikale Geschehen. Zielgerichtetes Training, Spezialisierung. Das Unmögliche: Definition, Mord und Wiedergeburt. Nachdenker, Vordenker, Querdenker, Kunsthandwerker im Bohrmeißeln oder auch Abflexen. Bohrhakenstreit und Sicherheitskontroversen. Neue Zielsetzungen, Kletterdimensionen in neuen Kleidern. Sport, Abenteuer, Kunst, Denkmal- und Gesundheitsschutz in spannendem Kontroversengeflecht. Plaisirrouten, Klettergärten, sanierte Klassiker, absturzgefährdete Altbauten. Streit um Prinzipien der Altbausanierung. Arbeitskreis Wilder Kaiser. Neue, alte Ideale…

“Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Viel sinnvoller ist es, verstehen zu wollen” – der Hinweis von Sylvain Jouty in der Bergmonographie Eiger, die vertikale Arena (AS-Verlag, Zürich) verdient häufigeres Zitat, vielleicht auch in der Abwandlung, es sei leicht, sich zu echauffieren. Wie lang dauert es doch, Wasser zu erhitzen, oder Schnee zu schmelzen – verglichen damit, wie leicht manchmal menschliches Blut in Wallung gerät. Viel sinnvoller ist es, verstehen zu wollen…

Vielfalt. Wie glücklich kann sich der Kletternde schätzen, dass sich hinter der oft nur als Sport betrachteten Interessengebiet eine reiche Kultur verbirgt. Deren Protagonisten und deren verschiedene Standpunkte sich trotz medialer Popularität des alpinen Freizeitgeschehens leider so schwer in üblicher, medialer Kürze präsentieren lassen. Hinfort mit Quotenreißer und Actionhintergrundmusik, es lebe das Buch! Kompendien (wie “Vertikal” von Reinhold Messner), Biographien, Erinnerungen, Essays von Alpinisten wie Alexander Huber, Reinhard Karl, Lothar Brandler, Publikationen eines Pit Schubert haben dem einen oder anderen schon einige Sauwettertage in der Bibliothek versüßt, Trainingsbälle knetend, Seiten verschlingend. Auch ein noch so verregneter Klettertag kann zumindest am Campus-Board der Lektüre genutzt werden.

Nicht nur Tourenberichte, Literatur findet man da aller Couleur. Mir haben es im Besonderen die Darstellungen aus der Zeit von Leuchs, Preuß, Enzensperger & Co angetan. Auf den Spuren der akademischen Erkundungsalpinisten begab ich mich auf klassische Wege. Viele dieser Routen sind stellenweise herb, meist im “leichten” Fels zwar, doch manchmal schrofig, brüchig, urig – unausgeputzt. Sie vermögen, gehörigen Respekt vor dem dritten (stellenweise auch höheren) alpinen Grat zu lehren. Doch all diese Tourentage waren erfüllende Tage, reich an stillen Sensationen.

ein Kompromiß - beste Standplatzsanierung in weitgehend selbstabzusichernder, belassener Route in der Ostler-Führe

ein Kompromiß - beste Standplatzsanierung in weitgehend selbstabzusichernder, belassener Route in der Ostler-Führe

Einige dieser Routen sind heute in ursprünglichem Absicherungszustand; einige sind saniert worden; dabei sind wiederum einige spärlich, gefühlvoll, Abenteuer erhaltend saniert worden. Wo ist die Grenze? Man kann die Ansicht vertreten, dass etwa die Wegfindung mitunter bereits durch die blinkenden Standplätze oft etwas Eigenverantwortlichkeit einbüßt.

Eine konsequente Standplatzsanierung liegt etwa im Fall der Ostlerführe vor. Sie ist durchgängig, aber nur an neuralgischen Stellen saniert und weist dabei insbesondere solide Klebehakenstände mit je zwei Haken auf. Dazwischen weitgehend selbst zu verantwortende Passagen.

Der Vorsteiger hat noch Abenteuer, der Sichernde riskiert nicht, dabei durch drohendes Versagen schlechter Stände mit dem Vorsteiger Haftungsunion bis zum Schlimmsten einzugehen. Ein grandioses Gelände also, um in vorsichtigen Schritten sich in alpine Unterfangen zu wagen. Wenn auch einmal alpin-nostalgische Sehnsüchte  zur Abwechslung aus technisch schweren Plaisir-Sportkletterrouten locken.

Ein bescheidener Wunsch, ein verbindendes Ziel

Mit solchem Wunsch war mein Bruder nach einer wunderbaren Saison in Felsklettergärten vom Chiemgau bis ins Ötztal an mich herangetreten. Natürlich sagte ich zu, beseelt von dem Wunsch, ihm meine Schätze, meine lieb gewonnen Schauplätze der Geschichte vor Ort näher bringen zu können. Es wäre zudem der erste richtige Gipfel, den wir Brüder in Seilschaft durch eine hohe Felswand erklettern würden. Einstand auf klassischer Route!

Ein paar Tage zuvor hatte ich mich schon in einigen schattigen, ruhigeren Routen im Kaiser herumgetrieben, dabei die Ostlerführe allein begangen, mit letztlich doch nicht beanspruchtem Notseil und Schepperzeug im Rucksack. Von daher war ich mir sicher, uns mit diesem Vorhaben in bekanntem Gelände als Seilschaft nicht gleich an kritische und unnötige Grenzen zu führen. Würde sich aber, so spät im November, das Wetter weiter gnädig, milde zeigen? Ein paar Fleckerl waren nach erstem Schneefall schon liegengeblieben. Aber die Aussicht auf die Linienführung, die natürliche Kulisse, die ich meinem Bruder anpries, ließ ihn akzeptieren: “Finger wern schon a weng kalt wern! Frisch. Ist ja auch eine Nordwand – daher aber grad wohl auch erfrischend wenig los.”

Im Fels des Klettergartens haben wir vorab natürlich nochmal die Grundmanöver der alpinen Sicherungstechnik, des Standplatzbau im Besonderen eingeübt, die Seilkommandos. Rekapitulieren von Kurs-Inhalten, BLV-Alpinlehrplan. Mobiles Sichern an Felsköpfln und Sanduhren, womit man in der Ostler-Führe bereits gut durchkommt. Keile können, müssen aber nicht zwingend mitgeführt werden. Ausser zur Übung, wenn man auch die entsprechende Zeit für’s Suchen mit einpackt.

Das Unterfangen soll Freude bereiten, Lust auf mehr entfachen, also fordern, nicht überfordern. Wir wollen auch den symbolischen Wert der Seilschaft, gegenseitige Verantwortung, nicht vergessen. Bleibt der Seilschaft also noch, erneut die Route durchzusprechen, am Vorabend, Besonderheiten einzelner Seillängen hinsichtlich Orientierung, Absicherung, Brüchigkeit aus verschiedenen Berichten zu vergleichen. Den letzten Stand des Wetterberichtes zu prüfen – passt, die Wand sollte trocken sein und bleiben. Zu packen – für zeitigen Aufbruch ohne halbschläfriges Vergessen von Material. Wir müssen schließlich früh raus, die Tage sind bereits kurz, Zustieg und Abstieg lang. Es ist schon Ende November 2011 – am 26.11.2011 ziehen wir in diesem herrlich langen, sonnigen Spätherbst nochmal auf lange Tour in den Wilden Kaiser!

Stille Sensation

Am Hintersteiner See (882m) laufen wir los, auf der Südseite des Scheffauers. Wir wollen diesen westlichen Gipfel im Kaiser via Erklettern der Nordwand und leichtem Normalweg nach Süden überschreiten, anstatt nach Begehung der Ostler-Führe über den teils versicherten Widerauersteig wieder zur Nordseite zurückzulaufen. Die Kaindlhütte als nordseitig naher, möglicher Sommerstützpunkt ist bereits im Winterschlaf. Einige Tage zuvor hatte ich die Variante des Widauersteiges gewählt, verbunden mit einer Mountainbike-Tour von Kufstein aus über Aschenbrennerhaus und Brentenjoch – nicht ganz kurze, doch kurzweilige Variante! Aber die Südseite des Scheffauers, sowie den westlichen Wanderweg über das Hochegg kenne ich noch gar nicht – also schon darum!

Herbstsonne durchbricht milchigen Nebel, Richtung Walleralm geht es gemütlich dahin, dann hinauf zum Hochegg. Nicht allzu warm ist es hier, früh um 9 Uhr. Reif und kleine Schneeflecken lassen das Grün blaustichig, kühl erscheinen. Einzige Gesellen an diesem Novembertag sind einige Gemsen, nahe der Kaindlhütten (1293m). Verschlafen liegen sie da, im Schatten des Scheffauers. Die Hütten. Die Gemsen nehmen natürlich Reißaus.

Blick in die Nordwand des Scheffauers von den Kaindlhütten

Blick in die Nordwand des Scheffauers von den Kaindlhütten

An den teils urigen Hütten halten wir einen Moment inne und betrachten die eindrucksvolle Nordwand des Scheffauers. Mein Bruder späht nach der Route – die gewaltige, helle Ostler-Platte sticht natürlich gleich ins Auge. Man erkennt sie bloßen Auges schon aus der Ferne, sich von Norden Kufstein nähernd. Unvorstellbar erscheint es beinahe aus der Distanz, dass durch diesen faszinierenden, doch abweisend glatt wirkenden Schuss ein Riss, ein Weg, führen soll, bei dem die lokalen Schwierigkeiten den dritten Grad nicht übersteigen. Der Zustieg bietet noch hinreichend Zeit, Vorfreude und Spannung wachsen zu lassen.

Auf 1700m befindet sich der Einstieg, 400m Wand vor Augen. Das flache Herbstlicht kommt nur durch Streuung auf die Nordseite, die Szene ist blau eingefärbt – blaugraue Welt! Steil aufgekippte Kalkschichten, Schuppen, Risse ragen auf. Östlich in der Wand sehen wir eine hausgroße, optisch freihängende Schuppe auf glatter Platte.“Schon ein Wahnwitz der Erosion, oder?”

Erosion, Steinschlaggefahr. Ja. Wir setzen die Helme auf, nähern uns dem Einstieg. Partner- und Routencheck. Letzter Blick auf das Material. HMS Safelock-Karabiner, ein paar Schrauber zur Standplatzeinrichtung, 4 Expressen klimpern am Gurt, 4 vernähte Bandschlingen zu 60cm und zwei zu 120cm sind mit von der Partie, Notfallachter und ein paar Schlingen aus Reepschnur hängen am Gurt. 60m Einfachseil verbinden uns, ein Doppelseil ist mangels Abseilstellen heute nicht erforderlich. Am Rücken befindet sich das Übliche an Über- und Wechselkleidung, Nahrung, Notfallversorgung inklusive Biwaksack und kleiner Apotheke. Nur ein gut sitzender, die Schwerkraft ohne Bewegungseinschränkung verteilender Rucksack nervt da nicht, gerade was den Konflikt zwischen Klettergurt und Bauchgurt des Rucksacks angeht. Besonders praktisch ist ein Alpinkletterrucksack mit Materialschlaufen am Bauchgurt.

Ich blicke in wache Augen meines Bruders, sachlicher Ernst spricht aus ihnen. Oder er friert einfach auch so wie ich. Vermutlich beides. Wir haben auch die Schuhe gewechselt, die warmen Bergstiefel in den Rucksack gepackt und sind in die Kletterschuhe geschlüpft. Natürlich nicht in die engen Boulderpatschen, sondern eher gemütliche Modelle, etwas größere, in die man auch noch mit etwas wärmenden Socken hineinpasst. Die Kletterei heute ließe sich zwar auch mit guten Bergschuhen bewältigen, natürlich, irgendwie. Aber wir wollen möglichst viel vom Fels unter den Sohlen spüren, nicht ihn treten, sondern auf ihm antreten. Also, Marsch, Bewegung – “Auf geht’s!” – in die erste von 16 Seillängen.

anregende Kletterei in leichtem III-er Gelände gleich zu Beginn

anregende Kletterei in leichtem III-er Gelände gleich zu Beginn

Die Ostler-Führe beginnt mit anregender Kletterei im dritten Grad, der Fels ist rau, reich strukturiert und fest. Ja, kalt ist er heute schon, zefix. Im Ruhen werden die Finger klamm. Bald schon kommt eine Stelle, wo man ein wenig überlegen muss, wie man sich über einen abdrängenden Wulst wuchtet samt Gepäck. Es findet sich jedoch ein beruhigender Haken, die Schlinge weiter unten darf ein wenig aufatmen. Sollte sie ja dürfen – Stürzen ist hier natürlich verboten. In diesem stufigen, geneigten Gelände verhindert ein Seil den Absturz, nicht den Anprall von Knochen gegen den sich meist im Vorteil befindlichen Fels.

“Stand.”
“Seil ein…”
“…Seil aus.”
“Nachkommen.”
“Komme nach.”

Als mein Bruder den Wulst überklettert, meine ich in seinem Gesicht ablesen zu können, dass ihn die Ausgesetztheit und die weiten Abstände der Sicherungspunkte doch beeindrucken – dafür dass die Seillänge ein leichter Dreier sein soll. “Scho, oder?” - mehr muss ich nicht fragen. Er grinst zustimmend zurück und zieht die Augenbrauen hoch. “Wie schaut’s aus – gehst Du gleich weiter?” Je nachdem, wie er sich fühlen würde, habe ich geplant, gegebenenfalls alles vorzusteigen, zumindest aber die Seillängen, die ich als weniger erquickliche Aufgaben oder schrofig in Erinnerung hatte. “Naaa, passt.” Mein Bruder hat angebissen. Mal schauen, wie ihm im Vorstieg nun die Wegfindung schmeckt… Er genießt das Felsmenü im ersten, nun servierten Gang jedenfalls, schlingt nicht gerade. Mir soll es recht sein, Hauptsache er hat auch ein Auge für die Absicherung, schlingt also in diesem Sinne! Aufmerken, im Kontakt bleiben! Es sieht gut aus. Immer wieder erfolgt vorsichtiges Abklopfen womöglich lockerer Blöcke, rechtzeitig werden Möglichkeiten zur Zwischensicherung gefunden, der nächste Standplatz erkannt.

alpine Vorstiegsfreuden

alpine Vorstiegsfreuden

 

Gehgelände im "Kristallkessel"

Gehgelände im "Kristallkessel"

Kalte Finger auf Kristall

Kalte Finger auf Kristall

 

Wieder erklingt das Standplatzunser – jene kurzen, häufig gesprochenen Zeilen, bei denen es doch jedesmal wieder um das Leben geht… Nachsteigend freue ich mich über die eine oder andere Schlinge. Schwitzt da jemand am Standplatz? Seil einholen ist in diesem Gelände Sport – der eine kann schnell steigen, der andere darf also schön rasch und artig Seilschlaufen vor sich sammeln.

Beide sind wir nun überzeugt davon, dass alles gut funktioniert – und fahren in überschlagender Seilschaft fort. Eine Schrofenpassage absolvieren wir in Querung nach Osten zu einem Geröllkessel allerdings wieder frei, um keinen Steinschlag durch schleifendes Seil auszulösen. Im dunkel schattigen Kessel queren wir, mit spitzem Fuß kickend Stufen hakend harten Altschnee auf dem Weg zu nach den Kristallen, von denen ich meinem Bruder schon während des länglichen Zustiegs vorgeschwärmt habe: Beim Geröllkessel finden sich einige Felder weiß kristalldurchsetzten Gesteins.

Überhaupt – welche Farben, Formen, Vielfalt des Gesteins, der Felsgestalten findet das dürstende Auge doch in dieser Wand! Kein Kontrast neonbunter Werbeflächen bietet Reize wie solches Meer grauer Nuancen: Mit runden, dunklen Kerben erodierte Wände, glatte Platten, tiefe Risse, Kanten, Verschneidungen, dort saugender Abbruch, hier schöne Sanduhr, weiter oben eine kleine Höhle. Es gibt viel zu sehen, es gibt viel zu entschlüsseln.

Den Weg dabei zu finden kann stellenweise fordern. Manche Seillängen kommen ohne stets auch Orientierung stiftende Zwischenhaken daher. Und trotzdem sie schön silbrig-neu sind, lassen sich auch die Klebehaken der sanierten Stände im flachen Licht nicht immer schon von Weitem im strukturreichen Fels erkennen.

“Stein!” Kopf an die Wand… War aber eher nur ein Kiesel. Davon liegen schon einige unterwegs herum. “Paaaaasst.” Nix passiert. Ich kann meinen Bruder, der gerade um einen Kantenbauch vorgestiegen ist, nicht sehen, aber kein anderer Ton stört den in der großflächig konkaven Wand widerhallenden Ruf. Nicht nur in unserer Route – niemand in der gesamten Wand, ausser uns. Alles liegt still im milchigen Licht.

auch leichtes Gelände kann ausgesetzt sein

auch leichtes Gelände kann ausgesetzt sein

Nun gehe ich wieder voran, quere etwas abdrängend gen Westen, komme in höhlenartiger Kehre zu einer Kriechrampe, an die ich mich gut erinnere. Günstige Sicherungspunkte sind auch dort versteckt; sie heißt es klippen und dann möglichst materialschonend die zwei, drei Meter hochschrubben, ein Bein in der Luft. Direkt danach beziehe ich Stand. So kann ich auch direkt in die offene Miene meines kleinen Bruders blicken, als er echsengleich um die Ecke kriecht, grinsend. “Hui. Schon wild.” Wir kneten kurz die kalten Finger. “Nimmer weit. Aber jetzt kommt’s!”

Kriecheck

Kriecheck

Die Ostlerplatte. Ich freue mich sehr, meinem Bruder dies zeigen zu können, denke zurück, wie mir hier ein paar Tage zuvor der Jubelgaul durchging. Durch eine Rinne geht es noch kurz hinauf, an einen ersten Plattenschuss rechts passierend. Dann zweigt ein rissartiges, vielleicht fußbreites Band in die riesige, geneigte Platte ab. Mein Bruder hat dann auch das Vergnügen, sich vorsteigend vorzuwagen in die Sensation optischer Exposition. Prompt legen wir zu Beginn einen leichten Verhauer hin, folgen bereits dem ersten Riss in die Platte, statt erst dem zweiten. Auf Reibung ginge es schon weiter, aber komfortable Sicherungsgelegenheit erscheint rar. Weiter oben sind auch alte Stahlhaken erkennbar. Also retour und besser nachgedacht. Zur Sicherheit nochmal einen Blick in die Brusttasche auf den Routenbeschrieb. Oben rum!

Spiegelglatte Wand, welches ist der schönere Riß am Rand...?

Spiegelglatte Wand, welches ist der schönere Riß am Rand...?

Ich folge. In der Querung hier ist man ja auch als Nachsteiger fast wie am scharfen Ende vorsichtig unterwegs, ein Pendelflug stünde allemal an. Standplatz inmitten der Platte. Wie Schalungsbeton – doch blanke Natur. Ein paar Grasbüschel. Ein paar alte Haken. Ein paar Sanduhren. Weiter, links haltend, dann in leichter Kehre hinauf zum überhängenden Abbruch oberhalb der Platte. Hier sind wir wieder – hier schließt sich die Klammer – in der Situation zu Beginn dieses Artikels.

Stelle am abdrängenden, mannhohen Überhang im Finale, IV

Stelle am abdrängenden, mannhohen Überhang im Finale, IV

 

Durchstieg

Mein Bruder muss ganz schön suchen. Das heißt Spannung, Abenteuer im für heute genau richtigen Maß. Sensation, aber in Stille, Sensation im Wortsinne. Ruhige, ganz und gar von Hektik freie Sinneseindrücke, kein Halligalli-Gaudimax. Nährboden für tiefere und länger erinnerbare Erfahrungen.

Am Fuß des Wandls oberhalb der Ostlerplatte geht es nach Westen, an massiver Sanduhr vorbei, bis zu Beginn der wiederum nach links hochziehenden Schlussrinne die Schlüsselstelle der Führe überwunden werden will. Als Einschnitt im großen Abbruch über der Ostlerplatte wölbt sich der Bauch immer noch knapp zwei Meter hoch aus der Wand, rechterhand aber gut hinterschnitten an die weitere Wand angrenzend.

in der Ausstiegsrinne

in der Ausstiegsrinne

Ein Klebehaken hilft psychologisch. Es bleibt Koordination gefragt. Piaz-artig anziehen, Tritt erinnern, hochwuchten, umwuchten, stemmen, ausspreizen, kurzer Blick durch die Beine weit zum Wandfuß, grinsen, Blick nach vorn richten, guten, gewachsenen Griff packen, eindrehen und… und oben! In Reibungsantritt, an großzügigen Spaltgriffen geht es noch einmal genußreich die Rinne zum letzten Stand hoch, perfekter dritter Grad.

“Stand.”
“Seil ein…”
“…Seil aus.”
“Nachkommen.”
“Komme nach.”

Aus der Distanz sehe ich, dass an dem kleinen Überhang jemand zum Glück ähnlich gefordert ist, wie ich es eben war. Auch wenn es wirklich nur diese Kurzstelle ist, die in Berichten mit IV bewertet wird und zur globalen Wertung IV- führt – hier macht das Seil froh. In schrofigem Gehgelände ließe sich auf historischem Umweg die Tour in östlicher Umgehung der Schlussrinne zu Ende bringen. In Seilschaft aber ist es so natürlich viel schöner, kleiner Nervenkitzel im Finale.

Als Seilschaft sind wir nun angelangt, auf dem grasigen Sattel vor dem Gipfel. Wir laufen noch ein paar Höhenmeter, der Sonne entgegen. Gipfelkreuz! Ablegen, Freude, Glückwunsch. Brotzeit mit Blick auf die hohen Eisberge in den Hohen Tauern und im Zillertal. Warm eingepackt verweilen wir noch lange am Gipfel. Eine gelungene Premiere, ein für weitere Unternehmen aus meiner Sicht hoffnungsvoll stimmender Einstand.

Jüngst meine ich, auch seitens meines Bruders eine Konsequenz ähnlicher Bewertung bemerkt zu haben. In seinem Zimmer hingen zum Saisonbeginn plötzlich – über Seil, Helm, Gurt, Expressen und bisherigen Utensilien auf dem alpinen Ausrüstungsaltar – ein paar wunderschöne neue Keile, Schlingen und Friends. Na dann!

Gipfelglück am Scheffauer, 2111m

Gipfelglück am Scheffauer, 2111m

 

Überblick

Talort: Scheffau, Wilder Kaiser
Ausgangspunkt: Hintersteiner See
Zustieg: 2,5-3h (über Walleralm, Hochegg, Kaindlhütten)
Durchstieg: 2,5-3h
Abstieg: 1,5 h (über Normalweg auf der Südseite zurück zum Hintersteiner See)
Wandhöhe: knapp 400m, deutlich längere Kletterstrecke, ca. 16 Seillängen
Höhenmeter gesamt: 1300
Material: 60m Einfachseil, 4-5 Kurzexpressen, 4 Bandschlingen 60cm, 2 120cm, ggf. Bündel mittlerer Keile
Varianten: Von Kufstein per MTB zur Kaindlalm; in der Saison Stützpunkt Kaindlhütte

Literatur: Markus Stadler: Wilder Kaiser Bd. 1 – Niveau 3-6, Panico Alpin-Verlag, ISBN 978-3-936740-06-6

3 Kommentare

  1. Ja, scho Franz-Peter :-) wer ko, der ko & wer wui und ko derf a! – und wer weiß… angesichts der Entwicklung des alpinen Extremsportes findet sich die Ostler ja in 50 Jahren vielleicht auch im Moser Guide “Best of – extreme MTB-Downhill-Klassiker in den Ostalpen III-VII”… mit dem Hinweis “Vorsicht auf Entgegenkommende”

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