Testberichte

Kletterschuhe Millet Yalla

12.04.2012

Kletterschuhe Millet Yalla

Kletterschuh Millet Yalla ist neu, fällt auf und hat einen klangvollen Namen. Was hinter der feurigen südländischen Fassade wirklich steckt, zeigt dieser Testbericht. Soviel sei schon verraten: die extrem hohe anfängliche Skepsis erwies sich im großen und ganzen als ungerecht.

Optik, Verarbeitung

Yalla heißt soviel wie Allez Allez!

Die Kletterschuhe des französischen Herstellers Millet zeichneten sich schon immer durch eigenwilligen und 100% selbstständigen Design. Der neue Millet Kletterschuh beeindruckt schon auf den ersten Blick mit seiner bunten, feurigen Farbpalette und ziemlich aggressiven Form. Die Farbwahl ist sehr warm. Das dominante dunkle Orange bildet die Grundfarbe des Paradiesvogels. Dazu gesellen sich Rot, Gelb und Weiß. Die obligatorische Ergänzung durch die schwarze Farbe des Gummis, runden das Gesamtfarbkonzept ab. An sich ist diese bunte Gestalt ganz sicher Geschmacksache und wird den einen oder anderen vielleicht. verschrecken. An dieser Stelle kann ich nur Mut machen und dazu auffordern evtl. äußere Abneigungen auszublenden und dem bunten Franzosen eine Chance zu geben, seine inneren Werte zu beweisen. Für mein Geschmack könnt die Optik zwar etwas dezenter sein, der Wohlfülfaktor an der Wand ist dennoch gegeben.

4 Points Grip – Unterschiede zwischen Ferse und Sohle

Der erste Eindruck ist ja bekanntlich der wichtigste. Yalla trumpft da in Sachen Verarbeitung auf vollen Linie. Kaum zu glauben, das die Chinesen solch eine optisch perfekte Verarbeitung hinbekommen. Dieser Umstand fiel mir bereits bei anderen Firmen, welche in China produzieren auf. Man findet wirklich kein Manko! Kleberreste? Fehlanzeige. Lose Fäden? Fehlanzeige. Verschliffene Sohlenkanten? Fehlanzeige. Rein objektiv findet man einfach nichts, was irgendwelche Fehler aufweist. Einzig der subjektive Eindruck der Gesamtkonstellation lässt erahnen, dass man nicht auf das gleiche Komfort trifft wie es bei den europäischen Erzeugnissen der Fall ist. Ansonsten alles super – von den gut greifenden Schnürsenkeln bis hin zu ausreichend starren, großen und fest vernähten Anziehschlaufen. Alles in einem ist die objektiv erfassbare Verarbeitung sehr gut und lässt auf ein entsprechendes Know-How der herstellenden Fabrik schliessen.

Konstruktion

Wie man sieht sind sowohl Vorspannung als auch Downturn “moderat”

In diesem Bereich gibt es einige “Innovationen” aufzulisten. Die auffälligste erkennt man schon an der Aufschrift im Bereich des äußeren Randgummis. Sie hört auf den Namen “Hook Effect” und ist ein mit Lasertechnologie in das Sohlen- und Randgummi reingefrästes Muster. Die Idee dahinter leuchtet schon ein: Die Haftung der Sohle auf Reibungstritten und  bei (Toe) Hooks soll erhöht werden. Zum tatsächlich nutzbaren Wert später etwas mehr. Die Schnellschnürrung ist eine sehr gelungene Entwicklung. Sie verdient nicht nur diesen Namen sondern schafft auch das, was anderen Speedlacing Systeme oft nicht schaffen. Nach dem Zug gleiten die Schnürsenkel nicht zurück! Man kann dann zwar nicht in einem Zug den gesamten Schuh gleichmäßig straff an den Fuß binden, aber mit zwei Handgriffen ist alles perfekt und ohne hohen Koordinationsaufwand fest. Erzielt wird dieses gute Ergebnis mittels der Kombination aus ausreichend dicken, aber dennoch gleitfähiger Schnürsenkel, der üblichen Speed-Lacing Schlaufen und dem Futter in diesen Schlaufen. Gut gemacht – kann man nicht anders sagen!

Weit, bunt, hart – Yalla

Der Leisten hat mich sofort etwas an den guten alten Anasazi Lace Up erinnert. Der Vergleich der beiden gab meinem Gefühl recht und offenbarte eine im Bereich des großen Zehs modifizierte, aber ansonsten (sehr) ähnliche Form. Der Aufbau ist ansonsten fast klassisch. Ein durchgehendes synthetisches Material, festes Randgummi, eine sehr steife Sohle mit leichtem Downturn und eine fast durchgehende Sohle, die aus mir unverständlichen Gründen nicht in die Fersengummierung übergeht. Sie endet am Beginn der Fersenwölbung und wird mit einem extra Teil überdeckt. Dieser extra Teil, welches mit vier Punkten versehen ist und deshalb wohl 4 Point Grip heißt, bildet die sehr schmale Gummierung der ansonsten recht wenig mit Gummi geschützten Ferse. Die Vorspannung ist moderat und im Vergleich mit anderen Performance Kletterschuhen fast schon harmlos. Die Form der Zehenbox ist auf aufgestellte Zehen ausgelegt und unterstreicht eindrucksvoll die präzise Ausrichtung dieses Modells. Die Ferse ist wirklich ordentlich vorgespannt, durch das recht schmale und nicht allzu dicke “Fersen-Vorspannungs-Band” ist der Zug auf die Achillessehne gut dosiert. Die Zehenbox ist aufgrund der sehr tief reichenden Schnürrung nicht gummiert. Für bessere Toe-Hook Performance wurde das Rundgummi sowohl außen als auch innen etwas höher gezogen. Diese Behelfslösung hat bekanntermaßen Nachteile beim Komfort. Mehr dazu weiter unten.

Dieser französischer Kletterschuh ist im Grunde genommen klassisch aber sehr durchdacht und auf das wesentliche ausgerichtet, konzipiert. Etwas “feinere Dosierung” der Materialienstärken würde den Komfort steigert und den Schuh so insgesamt aufwerten.

Passform und Größe

Breit vorne, schmal hinten, sowas hat man sich seit langem gewünscht!

Bereits auf den ersten Blick fällt bei der Passform jedem auf, dass dieser Schuh breit ist. Im Vorfußbereich ist der Kletterschuh Millet Yalla eines der breitesten Kletterschuhe die ich je am Fuß hatte. Bemerkenswert  bei solch einer Breite des Leistens ist der schmale Schnitt der Ferse. Die Proportion scheint nahezu extrem, wenn man auf die Sohle des Schuhs blickt. Die Zehenbox ist etwas vorgeformt und von Innen mit einer Art Fleece gefüttert. Dieses Futter ist geklebt und zum Teil am Rand angenäht. Die Form im Bereich des zweiten und dritten Zehen ist für römische und griechische Zehentypen sehr freundlich gestaltet. Das synthetische Material ist recht stark (dick) und relativ starr. Eine große Dehnung ist nicht zu erwarten. Selbst eine Formung wie man es von den synthetischen Five Ten Kletterschuhen kennt, lässt beim Yalla auf sich warten. Das positive ist – der Schuh ist Formstabil. Negativ ist der sehr bedürftiger Komfort. Man Schlüpft rein und fühlt sich im ersten Moment trotz der optimal passenden Form leider nicht wohl. Der Grund sind die schmerzenden Knöchel der aufgestellten Zehengelenke. Hier wäre ein etwas dünneres Obermaterial im Bereich der Zehenbox und eine flexibleres Randgummi sinnvoll, sowie eine etwas dickere Fütterung, die den Druck auf die Gelenke stärker verteilt. Der Druck auf die Achillessehne ist dagegen ganz gut verteilt und ist trotz der hohen Vorspannung gut erträglich. Das ist sehr bemerkenswert und verdient an dieser Stelle ein Lob an die Entwickler. Um die Ferse in der Optimalgröße auszufüllen muss man schon eine “fleischige” Ferse haben. In der Minimalgröße sitzt hinten am Fuss dagegen alles perfekt.

Die Form ist insgesamt gut gelungen

Wie fällt der Kletterschuh Millet Yalla denn aus? Ich empfehle es, sich an der eigenen Straßenschuhgröße zu orientieren. In meinem Fall mit der Strassenschuhgröße 43 EU ist 8,5 UK die Minimalgröße (kleiner geht’s nicht), die 9,5 UK ist eine Art Alpinlatschen Größe und für das Sportklettern auf Dauer zu groß. 9 UK ist somit für den täglichlichen Gebrauch optimal und erlaubt es mit den Zehen physiologisch zu arbeiten. Für harte senkrechte Projekte ist die Minimalgröße zwar dauerhaft eine bessere Wahl – eine hohe Schmerztolleranz ist dabei aber zwingende Voraussetzung. Es dauert wirklich lange bis die Zehen sich etwas in das Obermaterial gearbeitet haben und man eine Seillänge ohne neuronale Ausfälle bewältigen kann. Da hilft es auch nichts mit dem Yalla baden zu gehen. Sobald das Material trocken ist schrumpft er wieder in der Größe. Das Volumen steht in der Proportion zu der Weite des Leistens. In der “Alpingröße” ist die Schnürrung schon fast am Anschlag und mein Fuss hat nicht wenig Volumen. Die langen Schnürsenkel bieten die Möglichkeit richtig feste Füße sicher zu verzurren, es bleibt sogar noch genug für den zwoten und dritten Knoten. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, die Tatsache, dass der große Zeh, trotz der relativ “unnatürlichen” Form keinen Hallux Valgus Stress erfährt. Eine wertvolle Kombination stellt auch die schmale Ferse bei solch einem breiten Schuh dar. Insgesamt ist die Passform gut gelungen und kompensiert bei richtiger Größe die Schwächen des Komforts. Menschen mit einem schmalen Fuss sollten sich nach einem anderen Schuh umsehen.

Performance – wie klettert sich der Millet Yalla

Millet Yalla ist ein High Performance Kletterschuh, wie es heut zutage so schön heißt. Für mich bedeutet dieses Slogan: egal in welchem Gelände kann dieser Kletterschuh in allen Situationen alle Trittherausforderungen bewältigen. Das es unmöglich ist und stark von eigenen Fähigkeiten und Vorlieben abhängt dürfte klar sein. Was zur objektiven Beurteilung bleibt ist die Betrachtung der Tatsache, ob man eine Fussabhängige Kletterstelle am persönlichem Limit sturzfrei geklettert ist oder nicht und wie sicher sich das Treten angefühlt hat.

Die Spitze ist Allround tauglich. Löcher gehen damit, genau gut so wie Leisten

Das bringt uns automatisch zu der Frage nach Gefühl, Präzision, Unterstützung und Reibung der Sohle. Die Präzision und Unterstützung sind definitiv die absoluten Stärken des Millet Yalla Kletterschuh. Selbst in der Alpingröße fand die Spitze der Sohle immer punktgenau die richtige Stelle am Tritt und das beim ersten mal ohne nach zu justieren. Das ist wirklich beeindruckend und katapultierte diese französische Kreation in mein erweiterten Favoritenkreis. Die derartige Präzision ist durchaus mit einigen State of the Art Werkzeugen vergleichbar und sucht in der breiten Maße nach Konkurrenten. Die Unterstützung ist ebenso gewaltig. Selbst in einer großzügig gewählten Variante kann man auf sehr kleinen Strukturen ohne viel Kraftaufwand steigen und diese ohne jegliche Bedenken belasten. Der für mich limitierende Faktor stellt die Reibung der Sohle dar.

Die steife Sohle ist beim stehen auf kleinstem Zeug eine echte Entlastung

Diese eigens erzeugte Gummimischung von Millet ist in etwa mit den älteren Gummimischung XSV von Vibram zu vergleichen. Das komische, ja fast mysteriöse an diesem Gummi ist, die Tatsache des Rutschens nach dem längeren Stehen auf dem Tritt. Zur Erklärung: man steigt auf eine sehr kleine Struktur, baut Spannung auf und hat das Gefühl mit dem ganzen Vorfuß auf der Bordsteinkante zu stehen – absolut easy! Je länger man diese Tritt-Gummiverbindung belastet, desto mehr rutscht man. Macht man den Daumen-Grip-Test stellt man fest, dass es nicht an der schlechten Technik, sondern am Schwimmen des Gummis während einer anhaltenden Belastung liegt. Ansonsten ist das Millet Gummi ganz ok, denn die Haftreibung ist ok, die Kantenfestigkeit gut und der Verschleiß sehr fair. Mit einem “alten” XSGrip ausgestattet, wäre dieser Schuh der Hammer! Das Gefühl für der Tritt ist nicht ganz so gut wie vom alten Anasazi Lace Up aber auch nicht so stumpf wie im Miura Lace. Man kann nun mal nicht alles haben, deshalb bleibt das Greifen mit den Zehen weit hinter Spezialisten mit weicheren und flexibleren Sohlen zurück. Der leichte Downturn verschafft im steilen und steilstem Gelände etwas Abhilfe bei der Arbeit der eigenen Muskulatur und macht vieles leichter, was einer flachen steifen Sohle nicht möglich gewesen wäre.

Leider ist viel zu wenig Gummi auf der Seite

Da die Ferse mit der schmalen Lippe am Heck an sich sehr gut geschnitten ist, kann man die Hooks sehr gut auf schmalen Leisten platzieren. Wenn es dann um das Belasten des Hooks geht, scheitert Yalla an der wirklich passablen Reibung des Fersengummis, welches deutlich glatter ist, als das der Sohle. Ein weiterer schwerwiegender Faktor ist die fast schon eine minimalistische Gummierung an der Seite der Ferse. Will man mit diesem (nicht ganz so unwichtigem) Bereich arbeiten, sieht man sich mit dem Problem der nicht vorhandenen Reibung des Obermaterials konfrontiert. Beachtet man die Konkurrenz im Performance Segment, dann ist Yalla´s Leistung in diesem Bereich alles andere als ein Trumpf. Das Toe-Hooken ist konstruktionsbedingt nur rudimentär möglich. Die stark aufgestellten Zehen erschweren das Umgreifen der Hookfläche zusätzlich, so dass auch in dieser Kategorie die Hook Performance nicht glänzen kann. Da ändert auch der Hook Effect und die höher gezogenen Randgummis nichts an der Tatsache, dass man in steilen, schwierigen Bouldern seine Probleme mit den Hooks haben wird.

Alles in einem ist Yalla die logische Weiterentwicklung der “alten” stabilen Kletterschuhe. Mit ihm kann man die alten anspruchsvollen Felsrouten genau so gut mit modernen Techniken angereichert klettern. In steilen Routen fühlt man sich mit diesem Kletterschuh recht wohl und sparrt sich enorm Kraft, zumindest wenn man schnell klettert und nicht zu lange an einer Stelle zögert. Für das Bouldern gibt es geeignetere Modelle.

Haltbarkeit

Der Verschleiß hält sich in Grenzen

Solch ein dickes Obermaterial und das Randgummi haben auch Vorteile. So schnell geht am Schuh nichts kaputt und man kann sich getrost auf einige Wiederbesohlungen verlassen. Auch das Sohlengummi ist erstaunlich robust. So haben wenigsten die oben aufgezählten Nachteile auch ein Paar positive Seiten. Insgesamt hält der Schuh sehr gut, obwohl ich ihn sehr oft nutze und immer noch darauf warte, dass meine Minimalgröße bequem wird. Die oben angesprochene Formstabilität ist ein weiterer nicht von der Hand zu weisender Vorteil dieses Modells. Die Schnürsenkel sind so fest und massiv, dass man sie zur Not auch als 4er Reppschnur missbrauchen kann. Das einzig Negative in der Kategorie Haltbarkeit, ist die Ablösung des Futters im Bereich des kleinen Zehs. Ich weiß nicht ob es an einem Fertigungsfehler, schwachem Kleber oder meiner erfolglosen Warmwasser Behandlung liegt, aber eins weiß ich genau. Die dadurch entstandene Falte bildet eine zusätzliche Druckstelle und das ganze hätte mit einer einfachen Naht verhindert werden können. Ansonsten Daumen hoch für die Langlebigkeit und Haltbarkeit dieses Produkts.

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Die Schnürung ist nicht jedermann Sache, funktioniert aber super

Die kräftigen Kletterer mit massigen breiten Füßen und männlichen Gewicht kommen an diesem Kletterschuh nicht vorbei. Die breite Form und die gut stützende Zwischensohle taugen meinem schwergewichtigen Körper sehr gut und ermöglichen gleichzeitig eine nicht allzu kleine Größenwahl. Das schont die Knochen und Gelenke der Zehen ohne die Performance im Submaximalen Bereich zu mindern. Am Plastik schlägt sich Yalla sehr gut. Nur in Dächern kommt er nicht ganz so steil aus der Sonne. Boulderer sollten sich nach anderen Schuhen umschauen, es sei denn die Ferse ist unwichtig oder Millet steuert da etwas nach. Dieser Schuh deckt anspruchsvolle Mehrseillängen Routen in Granit genau so ab wie steile knackige Sportkletterrouten im Kalk.

Fazit

Alles in einem ein solider Schuh

Der Kletterschuh Millet Yalla ist genau das was ich vom Five Ten Quantum erwartet hatte. Er ist steif genug für die senkrechte und bietet mit dem Downturn eine bessere Möglichkeit die Tritte zu angeln und an denen zu saugen. Die Ferse ist gut geschnitten. Die Passform ist recht fußschonend, dennoch mit ordentlich Biss. Die Präzision sucht ihres gleichen. Mit einem anderen Gummi, besser gummierten Ferse und etwas verändertem Komfort Konzept wäre dieser Kletterschuh nahezu perfekt. Für breite Füße und Liebhaber des festen Schuhwerks ist dieses Modell ein Muss.

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