Alpin

Biancograt - einsame Seilschaft auf scharfer Schneide

19.03.2012

Biancograt – einsame Seilschaft auf scharfer Schneide

Schweiz, Graubünden, Berninagruppe. Mitte September 2010. Wir befinden uns in 3751 Metern Höhe über Normalnull, die Hochtour hat uns auf den Gipfel des Piz Morteratsch geführt. Der Morteratsch, aufragend westlich des gleichnamigen Gletschers, ist ein relativ leicht, wenig exponiert, auch ohne schärfere Felspassagen ersteigerlicher Bündner Eisriese. Vor allem stellt er aber eine ausgezeichnete Aussichtskanzel in der Berninagruppe dar.

Direkt vor uns, südlich, zieht der Nordgrat des Piz Bernina (4048m) über den Nordgipfel Piz Bianco in die Höhe. Im Romanischen erklingt dieser weiße Vorgipfel als Piz Alv. Er misst nur 3995m Höhe und weist eigentlich nur eine geringe Einschartung gegenüber dem Hauptgipfel Piz Bernina auf. Im Piz Bianco aber kulminiert, einen eigenen Namen für den Gipfel eines Spektakels einfordernd, der berühmte weiße Grat, der Biancograt.

Der Biancograt, vom Piz Morteratsch aus

Der Biancograt, vom Piz Morteratsch aus

 

„Gott sei Dank haben wir es sein lassen.“ Es wirkt auf uns die Frontalsicht auf die gigantische, scharfe Schneide. Unverspurt zeig sich der Biancograt, unberührt in strahlendem Weiß, bei nun wieder wolkenfrei gefegtem Himmel. Wegen zu viel Neuschnee und entsprechend fraglichen Bedingungen am Grat hatten mein Seilpartner und ich, tags zuvor bereits in der Tschierva-Hütte stationiert, unserem eigentlichen Wunschziel Piz Bernina entsagt und auf den Piz Morteratsch umgesattelt.

Wir hatten die Anreise nach Graubünden einfach riskiert – etwas zweifelhafte, vor Ort zu beobachtende, wetterliche Bedingungen hatten wir als Chance erachtet, eher wenige Mit-Aspiranten anzutreffen. Als Chance, den prestigeträchtigen und auch darum oft begangenen Biancograt möglichst in Ruhe erleben zu dürfen. Herrschen an derart attraktivem Ziel absehbare, sichere Bedingungen, so ist bekanntlich Einsamkeit kaum wahrscheinlich, eher ein seltener Glücksfall. Diesmal haben wir kein solches Glück, eine Begehung des Grates heute ist nicht drin, zu unsicher. Daher den Biancograt besehen, statt begehen. Ablichten, statt abrutschen. „Gott sei Dank haben wir es sein lassen“ – wir sind uns einig, bei diesem Anblick vom Piz Morteratsch aus. Sportlich sind wir ohnehin auf unsere Kosten gekommen, denn das Spuren im tiefen Schnee bis hier hoch war anstrengend genug. Wieder schauen wir wortlos auf die Gratlinie.

Erinnerungen an den Klang eines Diamanten

Dieser äußeren Stille vorangegangen war eine imaginär-akustische Explosion. Das Erreichen unseres herausragenden Aussichtspunktes spielt sich in meinen Gedanken wieder ab mit Klangeswucht. Aufgebaut wie ein sphärisches Intro eines Pink Floyd Songs kündigt sich etwas an, im Ersteigen des Piz Morteratsch. Erst schwebende, helle, leichte und doch aufgeladene Klangatmosphäre, ahnungsvoll. Unterwegs erhebt sich diese Musik langsam aus dem dunklen Präludium der Morgendämmerung.

Klingendes Gipfelgold im Aufstieg zum Piz Morteratsch

Es ist eine raunende Exposition, voller maschinenartig monotoner Grundklänge und ausgelassener Noten. Sie ist getragen von elliptisch rollendem Reibungsrauschen beim Spuren, Schritt-Schritt-Schritt, schiebende Geräusche wie von Radwerkstangen an einer alten Dampflokomotive. “Sch-Krsch-Pf-Sch-Krsch…” Sporadische Triangel-Anklänge von Sicherungsmaterial am Klettergurt. Anflugsweise auch der Bass-Doppelklang pochenden Pulses im Gehörgang, bei Überbrückung oder im Passieren von wenigen sichtbaren, aber tiefen Spaltenschlünden. Dazu ein langsames Crescendo der Sonnenstrahlung, auf- und abebbend je nach Blickwinkel, ein lichtes Zischeln, kaum hörbar erst, bald aufbrausend – snare drum Spiel. Wo die Sonne zur alpinen Krönung des Morgens Gipfel in Gold taucht wärmen Fanfarentöne die Szene, melodisch den Grenzen zwischen Goldkuppen und Himmelsblau folgend.

Blick auf den Hang. Weiter Steigen! Vibrierende Luft, erste Strukturen flimmern über gleißender Kuppe auf, werden ahnbar, führen hin, schießen auf zu dem Pauken- und Donnerschlag, der uns ins Antlitz schmettert, als sich fast abrupt aus der Kuppe, aus dem Weiß des Piz Morteratsch südlich gegenüber der gigantische Blick auf den Biancograt erhebt.

Makellos, spurenfrei, geschwungen durch das schallfreie Tiefblau des Himmels schneidend. Beim Anblick schwindelt mir, schwingt auch mein Verstand wie eine von der Saite ins Weltschall abgeschossene E-Gitarren-Protuberanz. Der verzerrte Gitarren-Schrei entlang der Firnleiter schlägt nach oben aus dem Felsaufschwung über der Fuorcla Prievlusa, der gefährlichen Einschartung am Felsfuß der Morteratsch Südflanke, noch metallisch scheppernd an dem einen oder anderen kristallinen Urgesteinturm vorbei und blitzt hinauf, donnert Funken schlagend gegen Fels am Piz Bernina und davon. Trommelfeuerexplosion, Tusch und Ende. Mir hat es die Sprache verschlagen. Später dann das „Gott sei Dank haben wir es sein lassen.“

Die westliche Profilansicht tags zuvor im Zustieg zur Tschierva-Hütte hatte nicht derart zur Schwärmerei veranlasst, allerdings auch nicht derart eingeschüchtert. Aus dem Blickwinkel seitens des Val Roseg ist der Biancograt im horizontalen Anschnitt zu sehen, als homogener weißer Brotaufstrich auf körnig-grobschrötigem Urfels, Appetit anregend. Erst in der Frontalaufsicht wirkt der im Firn eigentlich nur bis 50° Grat geneigte Grat unerhört steil, beängstigend. Erst in dieser Ansicht erschließen sich die Abgründe links und rechts des Grates perspektivisch.

Der Biancograt, im Zustieg zur Tschierva-Hütte aus dem Val Roseg

Der Biancograt, im Zustieg zur Tschierva-Hütte aus dem Val Roseg

 

Gedanken – auf diesem beidseitig so steil abbrechenden Grat möchte man nicht ausrutschen, nicht widrigem Wetter ausgesetzt sein, kein Gedränge eifernder Seilschaften erleben. Die Vorstellung eines Mitreißunfalles da oben drängt sich auf – Grauen… Falls etwas passierte, wie unangenehm wäre ein Rückzug auf der weißen Rutschbahn! Mit diesen Gedanken – wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, vertretbare Bedingungen und insbesondere hinreichende Einsamkeit doch einmal vorzufinden? Ich schreibe sie als zu gering ab, lege meine Bianco-Pläne erstmal auf Eis. Es gibt so viele nähere, in ihrer Art wiederum schöne und um einiges einsamere Ziele. Andererseits – diese Frontalaufsicht hat sich eingebrannt! Der Eindruck hallt so unwirklich nach, die weiße Kurvenlinie gleißt fort, schwingt weiter. Shine on you crazy white diamond ridge…

Anklopfen, Abwägen, Aufbruch

Andere Touren füllen zunächst das Tourenbuch. Mit meinem Seilpartner Benjamin gelingen einige schöne Hochtouren und lange Kletterrouten. Doch in den letzten Septembertagen 2011 flackert der Diamant wieder auf. “Also der Biancograt… das wäre schon ein Highlight!” Benjamin klopft damit bei mir an und schafft es, meine Bedenken auszuräumen. Er hat gründlich recherchiert: Wir können ein günstiges Wetterfenster unter der Woche erwischen. Es sind zu diesem Zeitpunkt kaum Leute auf der Tschierva-Hütte gemeldet. Das Rifugio Marco e Rosa, nahes Ziel oder Fluchtpunkt nach Überschreitung des Piz Bernina ist bei offenem Winterraum selbst schon geschlossen, darob hoffentlich noch weniger los. Der Grat selbst wurde erst zwei Tage zuvor von zwei Bergführern begangen, unter Lob der Bedingungen, gleichwohl diese nach einem ersten Schneefall stellenweise etwas winterlich sind. Zudem sind wir bestens in Form, haben kurz zuvor am Ostgrat der Wilden Leck wieder gemerkt, wie gut die Seilschaft funktioniert. Zurück also zur Diamantensaite? Ein Credo meines alpinistisch erfahrenen Vaters ermutigt zur Bedachtsamkeit – ohne anschließende unfruchtbare Spiralen der Bedenkengrübelei: Think. But don’t think twice! Also schweige ich kurz, bedenke – und dann geht es los. Steigeisen, Eispickel, Schlosserei, Schlingen, Seil, Nahrung, Kocher, Notfallausrüstung, textile Zwiebelwunderschichten – das sinnvolle Gaudium heutiger, leichter Funktionsausrüstung packen wir wohlüberlegend ein. Es gilt, Reserven für Komfort aber auch Notfall, zudem kulinarische Ausrüstung für den Winterraumaufenthalt im Widerstreit mit kraftzehrendem Gesamtgewicht abzuwägen. Minimalismus und Komfort. Auf in die Schweiz.

Ötztaler Granitgaudium in der Anreise nach Graubünden

Die vorfreudig juckenden Finger wollen auf dem Weg nach Graubünden sich noch ein wenig austoben. Unterwegs gönnen wir ihnen ein paar Seillängen im Ötztaler Granit, und noch eine, und eine geht noch… – So gelangen wir etwas spät am Nachmittag in Pontresina an. Nicht zeitig genug, um irgendwo einen Parkplatz zu irdischen Tarifen mit gegebenfalls längerem Anmarsch zu suchen. Wir müssen, um rechtzeitig zur Tschiervahütte zu gelangen, mit der Goldgrube am Bahnhof, am Eingang des Val Roseg, Vorlieb nehmen, und dennoch spurten.

Vergnügt jedoch eilen wir bei noch sommerlichen Temperaturen den Wanderweg Richtung Hotel Roseg hangan. Herrliche Alpenwelt. Alles erscheint uns an der andersartigen Vegetation in etwas überschwänglicher Freude erwähnenswert. Ehrfurcht in stillerer Variante ergreift uns dann, als wir auf großem Moränenrücken zur Tschierva-Hütte hin abzweigen. Mächtig präsentieren sich Gletscherbrüche, Grate, Flanken – und weit über der Hütte, auf hohen Granitrücken geworfen der weiße Grat. Appetit. Zur Tschierva-Hütte hin werden wir noch ruhiger, wortkarger, cooler. Wir sind ja Alpinisten, gefühlte.

Stützpunkt Tschierva-Hütte, 2573m

Zum Glück sind so wenige und nach allfällig vorsichtigem Warmwerden zugängliche und nette Menschen in der Hütte. Ein junges Medizinerpaar aus Österreich auf Wanderung, ein Bergführer mit jungem Wirtschaftswissenschaftler aus der Schweiz als Kunde, mit dem Vorhaben Eselsgrat zum Piz Roseg für den nächsten, Biancograt zum Piz Bernina für den übernächsten Tag. Und dann eben wir zwei Bayern, als alleinige Aspiranten für den Biancograt am Folgetag sind einzige Gäste der jungen Wirtinnen. Man muss sich freundlicher Weise nicht als hardcore Westalpen-Nordwand-Alpinist gerieren – nach einem Russn, der den Wein degustierenden Schweizern zur teilnehmenden Erheiterung gereicht, fühle ich mich schon mit dem Selbstbild als kleiner Nordalpenkalk-Bergsteiger wohl, keine Bemühungen um coole Fassade und Imagebildung für morgendliche Hackordnung an Einstiegen. Der Bergführer klopft zwar en passant, ganz subtil, im Gespräch uns Burschen auf ein paar Kenntnisse ab, vielleicht um Pflichtgefühl gemäß zu prüfen, ob wir uns auf eine Tour oder ein Wagnis einlassen. Aber wir genießen Entspannung, einen netten Hüttenabend, schließlich kurzen, aber tiefen und erholsamen Schlaf.

Fels und Eis, Ruhe über dem Abgrund

„Ha, was hast denn Du für nen Scheinwerfer?!“ Benjamin lacht sich warm beim Verlassen der Hütte über meine gewaltige neue Stirnlampe am Helm mit externem Batterie-Fach unter der isolierenden Funktionsjacke. Seine Leichtgewicht Mikrofunzel wirkt dagegen wie eine Anstecknadel am Hut. „Immerhin ohne Diesel-Aggregat. Aber wirst schon sehen, was die kann“, pariere ich. Katzenaugen funkeln uns im Dunkeln an, neben Steinmännern und teils ausgehatschtem Pfad weisen sie den Weg Richtung Fuorcla Prievlusa am nächsten Tag, kurz nach 4 Uhr. Nebenbei sei erwähnt, dass mein Scheinwerfer dann doch auch Augen von Katzen in größerer Distanz aus der Reserve lockt. „Schlaftrunken jedenfalls sollte man hier nicht sein“, murmle ich lautlos in meinen Stirnlampenkegel – im Moränenblockwerk kann man sich leicht verlaufen, und ein, zwei Kraxeleien leichtester Art wollen mit schwerem Rucksack doch koordiniert bewältigt werden. Am Himmel Sternenklarheit. Es ist dabei recht mild, der Granit ist warm. Ab und zu Wasserrinnsale. Hinter uns, bald schräg unter uns, sehen wir die einzigen anderen Stirnlampenkegel dieser Nacht diffundieren, respektive sich an vielfältigen Schneeskulpturen brechen: Der Bergführer leitet seinen Gast durch das Labyrinth der Spalten auf dem Weg zum Eselsgrat. Respektvoll sehe ich seiner Wegbahnung einen Moment zu, fasziniert vom zielgerichteten, aber verwickelten Tanz der Lichter.

Einmal verhauen wir uns dagegen auf unserem Zustieg etwas und legen ein paar Höhenmeter extra im spurlosen Blockwerk zurück, bis wir wieder vernünftige Wegspuren finden. Nun stehen auch wir auf Eis, seilen uns an und steigen über Spaltengelände zur Fuorcla Prievlusa an, gen Osten. Wir steigen nördlich, orographisch also links der Firnrinne der Fuorcla Prievlusa auf – hier sind einige Sicherungsstangen und Krampen, nah an heute leider triefender Wand wegweisend angebracht, um aus dem Steinschlagbereich der Scharte selbst zu führen. Mit Gedanken an mehrere operiernde Seilschaften im ersten Aufschwung nach der Scharte erscheint dies als recht gesundheitsförderliche Entscheidung, wenngleich es eine ästhetisch recht brutale Eisenleiter ist.

Morgendämmerung vor dem Piz Roseg

Morgendämmerung vor dem Piz Roseg

Wir bleiben, dem großen Sigma des Wegverlaufs folgend, angeseilt, sichern uns überschlagend an Eisenstangen und Felsköpfln zum Grat hinauf, was etwas Zeit kostet. Stellenweise ist es recht rutschig, durchnässter Schnee auf einer Mélange aus Eis und Gestein. Die schnellsten sind wir hier nicht. Erst dämmert es noch zart rosa über dem Piz Roseg. Dann bricht der Tag an. Aber wir liegen gut im konservativ ausgelegten  Zeitplan. Ehrgeiz zu besonders schneller Begehung haben wir nicht, zum Rennen haben wir andere Berge. Auch besteht eine Notwendigkeit nicht – keine anderen Seilschaften bedingen unser Tempo!

kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

Blick zurück - kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

Blick zurück – kombinierte Kletterei auf dem Weg zum Biancograt

Am Grat angelangt wartet neben ersten Sonnenstrahlen und folgerichtiger Zweitfrühstückspause auch erste richtige Kletterei auf uns. Mit erfreulich soliden Ringstandplätzen und sporadischen Zwischenhaken an „Infrastruktur“ geht es leicht westlich des Grates durch gemischtes Gelände, im Fels im dritten alpinen Grad, drei kurze Seillängen hinauf, von jeweils um die 25m Höhe.

Welcher Genuß! Jeder Zug mit dem Pickel im griffigen Schnee, das Ertasten des Untergrundes, jedes Stemmen auf geprüftem Block, jedes schlingenfreundliche Köpfl ist Genuss. Ich fühle mich in meinem Element, gleichwohl die Ernsthaftigkeit des Geländes stets bewusst ist. Tief fällt bereits der Blick östlich auf den Morteratsch Gletscher. Wilde Landschaft.

Tiefer in die östliche Flanke führt uns die Umgehung eines Gratturmes, an dessen Beginn wir erst noch im Fels auf breitem Band queren. Dann geht es in noch spaltenführendem Gelände steil wieder zum Grat hinauf, zum namensgebenden Beginn seines Herzstückes, zum firnigen Biancograt. Auch in der Steilflanke dorthin sind wir noch am Seil. Ich beziehe Zwischenstand an Eisschrauben. „Benni!“ Ich grinse ihn an, als er zu mir aufschließt, weiter steigt – ich hab nichts Besonderes zu sagen, aber einfach das Bedürfnis, Freude zu teilen, zu äußern.

„Schau Dir das an…!“ Benjamin zeigt nach vorne. Ja, evident. Da ist er. Da sind wir. Die Konzentrationsglocke lüften! Wir stehen am Biancograt, direkt am Beginn der Firnschneide. Weiß, weiß, weiß. Schlangenlinie. Azurblau. Nur wir, als einzige Seilschaft weit und breit. Mit Herzpochen, aber mehr der Freude wegen. Nur gute, wachsame Angst verspüre ich.

Blicke reichen aus zur Bestätigung: Wir sind beide mit günstigem Gefühl unterwegs. Kurz verständigen wir uns nochmals auf unsere Übereinkunft, nun, am Firngrat, seilfrei zu gehen. Ehrliche Verantwortung, keine Mitreißgefahr. Individuelles Wohlbefinden, die vorausgesetzte Sicherheit spüren wir. Letzter kalkulierender Blick die Schneide hoch. Der Schnee erscheint griffig, die Spur gut, keine Blankeispassagen, Einwehungen oder tückische Wechten in Sicht. Ich nehme das Seil auf und packe es in den Rucksack. Los.

an steiler Stelle des Biancogrates - bis 50° im Eis / Firn

an steiler Stelle des Biancogrates – bis 50° im Eis / Firn

 

Kein Gedanke daran, was bleiben wird vom Moment, kein Gedanke ausser den Moment betreffend. Die Zeit ist abgeschaltet, nicht das Cäsium irgendeiner Weltuhr gibt meiner Wirklichkeit jetzt den Takt vor, sondern der Aufstieg ist der Takt meiner Welt. Ich steige, steige, die Atmung rauscht, ich steige, stütze, steige… Wo es steil wird genieße ich den guten Zug des Eispickels. Steigen, steigen – links, rechts, die weiße Leiter hinauf, die blaue Leiter hinauf, je nachdem Sonnen- oder Schattseite der Schneide besseren Halt bieten. Ein paar mal müssen wir in die Flanken ausweichen. Schritt um Schritt, Zug um Zug. Völlige Präsenz, volles Bewusstsein der Exposition, doch keine Angst. Ich sehe mich nicht in Gedanken in dem wilden Bild, das ich vom Piz Morteratsch mitgenommen hatte. Ich stehe fest in guten Trittlöchern auf einem weißen Hügel, gleichwohl er hunderte Meter ringsum in die Tiefe abfällt. Ich schwebe. „Sieh, wie es da hinunter geht. Da unten die Spalten! Du stehst nur auf Deinen Füßen, Deine Hände suchen Halt. Ein Windhauch, Menschlein, ein Rutscher nur…“ Widersprüche in meinem Großhirn, das sich selbst herausgefordert hat und sich auch so fühlt. „Ich stehe gut, fühle mich gut, ich habe Angst, ja, harmlose, gute Angst und ich genieße sie.“ Steigen und steigen, lustvolles Hacken des Eispickels in hartem Firn. “Juhuhuh!!“, schallt es plötzlich aus mir heraus.

In der Begeisterung trinke ich zu wenig, was untypisch ist. Ich verwende im Gebirge extra einen Trinkschlauch, um ohne großes Rucksackabsetzen unterwegs oder am Standplatz leicht trinken zu können. Unvorsichtige Unterlassung. Sie wird sich abends und nachts in gehöriger Erschöpfung bemerkbar machen, zusammen mit der Höhe. Dafür photographiere ich, dazu reißt es mich immer wieder, wenn ich aus der Steig-Trance auftauche. Benjamin grinst über beide Ohren in die Kamera. Wir wechseln uns ab, mal geht er, mal gehe ich voran. Wir sind gleich stark – ein Segen, keine Spannungen durch unterschiedliche Tempi oder derlei.

WUMM – und ein Poltern wie von Geröll. Eislawinenabgang. Donnern. Rauschen. Es muss vom Piz Roseg gekommen sein. Benjamin hat es auch gehört, gemeinsam sehen wir uns um. Natürlich denken wir an die Schweizer Hüttengenossen und hoffen, dass Sie ab vom Schuss waren. Nichts zu erkennen. Stille. Wir schauen uns an und in die umliegenden Flanken, auf die Eisflanken, Gletscherbrüche, Grate, Gipfel. Ernste Landschaft, großartige Landschaft. Wir steigen weiter. Steigen, steigen, zunehmend schnaufen – es geht auf die 4000m zu, man merkt die Höhe und Sonneneinstrahlung.

Abschnitt vom Piz Bianco zum Piz Bernina - Schlüsselstelle der Tour

Abschnitt vom Piz Bianco zum Piz Bernina – Schlüsselstelle der Tour

 

Kuppe, Neigung, Ende. Am Ende des Biancogrates. Piz Bianco, Piz Alv als Kartenpunkt. Fiktiver Höhepunkt. Realer Wendepunkt. Der Charakter der Tour ändert sich nun, zum Piz Bernina hin. Wir seilen erneut an, indem wir uns wieder in gemischtes Gelände begeben, Absturzgelände in steilen Flanken, Kletterei auf scharfem Grat. Ich fühle mich im Fels wohler, Benjamin im Eis; so überlässt er mir, da ich darum bitte, gerne die Führung bis zum Piz Bernina. Mehr Nachdenken und deutlich mehr Koordination als auf der Firnschneide wird uns abverlangt. Auch der Schrecken des Lawinenpolterns wirkt noch nach – und wird prompt reaktiviert: Als leises Knattern hinter einem steilen Granitzahn, welchen zu erklimmen ich mich anschicke, abrupt laut wird. Ich blicke einem Helicopter, Nase steil nach unten auf der anderen Seite des Grates auftauchend, direkt ins Cockpit. Drachenknattern. Ich winke nach dem Schreck erst beruhigt freudig, gebe dann aber noch rasch per „N“o-Haltung der Arme an, dass wir in Ordnung sind – falls Mißverständnis drohen sollte. Bevor ich sicher erkennen kann, ob es sich um einen Rettungsheli handelt, ist er schon hinter dem Piz Bernina wieder im Sturzflug abgetaucht. Wie ein Himmels-Orca, aus dem Nichts zurück ins Nichts. Sorgen, ob jemand gesucht wird, legen sich spätestens, als der Heli zum dritten Mal, auf exakt gleichem Kurs wiederkehrt. Vielleicht doch nur ein touristisches Sightseeing. Ich stelle mir selbst den Blick von oben auf den Grat vor, heute – und freue mich daraufhin mit Benjamin einmal mehr, dass wir die einzigen kleinen Menschen sind, die heute auf ihm laufen. Zwei einsame Punkte auf der Himmelsleiter.

Grat, Wolken, Helicopter

Grat, Wolken, Helicopter

Blick zurück auf scharfe Gratkletterei

Blick zurück auf scharfe Gratkletterei

Der Aufstieg zum Piz Bernina hat es in sich. Sowohl Auf- als auch Abklettern ist gefragt auf dem Weg nach oben, über die 4000er Marke. Links des Grates, rechts, links. Vorsicht wackliger Block! Ein weiter Spreizschritt. Es ist kombiniertes Gelände, Granit, mal kompaktere Türme, mal blockiger, mal scharfe Platten am Grat, Partien mit unterschiedlicher Durchsetzung durch Schnee und Eis. Vorsichtiges Setzen der Steigeisen, ihr unterschiedliches Ansprechen in Felsritzen oder im wechselnd festen Weiß ertastend. Halt suchen, prüfen mit den Händen, festhauen oder im Fels verkeilen mit dem Eispickel. Dem Drehmoment des schweren Rucksacks entgegenwirken, kraftsparend schieben, stützen, vorausschauen. An gute Schlingen und die Seilführung denken, da es in spitzen Winkeln hin und her geht. Nicht aller Boden ist fest. Kopf und Körper sind aktiv.

Zwischendurch treffen wir, psychologisch sehr willkommen, auf solide Ringstände mit Ketten, besonders an zwei Abseilstellen von je circa 10m. Wir sind uns einig – „ein doch recht fordernder IIIer“… Wir führen je vier 60cm und 120cm Bandschlingen mit uns, inklusive Schnapper, dazu drei Kurzexpressen und die üblichen Schrauber, Schnürl und Schrauben. Das imprägnierte 60m Mammut-Einfachseil bewährt sich – und ist trotz der Dusche an den Krampen vor der Fuorcla Prievlusa noch schön leicht. Ein Eispickel je Person reicht uns aus.

Freudig arbeite ich mich mit meinen Beil eine eisig-feste Rinne knapp rechts des locker verschneiten Grates hoch. Benjamin schätzt die Passage auf 60° Steilheit. Ausgesetzt. Ich erinnere jedoch meine Lust, mich da hochzuhacken, hauen, ziehen, steigen, stemmen! Ich grinse die Frontzacken meiner Steigeisen an, auf ihrem Anflug gegen die Eisschicht. Drin! Fest. Steigen, stemmen, tausend Arme und Beine meine ich zu haben. Hier sind die Bedingungen, da wir in der Nachsaison gehen, nach dem jüngsten Schneefall tatsächlich bereits ein wenig winterlich. Viel Schnee, beziehungsweise sogar Eis. Viel ansonsten scheinbar frei liegende felsige Passagen unter Eis, im besonderen liegen dabei wenig günstige Felsköpfl frei.

Steilstück - Finale zum Piz Bernina

Steilstück – Finale zum Piz Bernina

Heikel wird es einmal zwischendurch, ohne für eine Schlinge geeignetes Köpfl in Sicht, bei weitem run-out über letzter gelegter Schlinge, aber die Steigeisen und die Haue greifen so gut. Noch ein paar Meter weiter schauen. Wieder nichts. Nun 15m freies Vorstiegs-Seil unter mir. „Blingbling…“ funkelt es mich da an, als, in Gedanken schon bei Schrauben, mein letzter Rundumblick an dieser etwas heiklen Stelle einen gebohrten Zwischenhaken direkt neben meiner Hüfte streift. Wahrscheinlich hätte ich im Vorbeikriechen auch  unabsichtlich automatisch eine Expresse eingehängt. Ich muss gackern, Benjamin schaut verwundert. Ich bastle mittels zweier langer Bandschlingen einen Stand an einem großen Felszapfen – Benjamin steigt nach und versteht dann beim Aushängen gut, was mich so erheitert hatte. Die heikle Passage dürfte die letzte richtige Kletterschwierigkeit gewesen sein. Lang haben wir dafür gebraucht! Viel fordernder als der eigentlich bloß der Exposition wegen fordernde Firngrat ist der Übergang Richtung Piz Bernina! Noch bin ich nicht am Gipfel, mein Stand ist noch horizontal einige zig Meter entfernt, Benjamin geht voraus.

über der 4000er Grenze - Piz Bernina

über der 4000er Grenze – Piz Bernina

Da. Gipfelbuchschatulle, Fahnenfetzen, Granitblöcke. Etwas fehlt mir einmal mehr… Ein Kreuz! Doch nicht als christliches Symbol. Sofern überhaupt als religiöses Zeichen, so als Natur-religiöses Dankes- und Lobzeichen, oder als Kulminationspunkt für menschliche, insbesondere alpine Projektionen. Nicht eine durch Subtraktion eines geopferten Leben zum Hoffnungszeichen gewordene Balkenkreuzung, sondern ein großes Pluszeichen, etwas Additives, Positives, ein Vermehrungszeichen. „Depp.“, fasse ich mich an der Nase, schüttele meine menschlichen Ansichten und Gedankenwölkchen wieder ab und weide meine messenden Augen lieber schweigsam an der Bergwelt. Gewalten. Bewegung! Nur, dass wir die meisten Bewegungen, das Strömen des Eises, das Strömen des Felses, nicht in den Skalen unserer Wahrnehmung verstehen. Nicht unser Zeitmaß, diese Ströme. Nur Wolkentürme im Süden quellen ersichtlich weiter. Wir haben sie bereits beobachtet, sind uns sicher, bei gutem Wetter zum Rifugio zu gelangen, doch der Anblick schüchtert dennoch ein, müde wie wir sind.

Blick vom Piz Bernina nach Süden über den Spallagrat

Blick vom Piz Bernina nach Süden über den Spallagrat

Technisch wieder leicht, aber noch gehörig exponiert geht es über den Spallagrat gen Süden. Kletterei im zweiten Grad als Gepäcktanz auf dem Schwebebalken. Wir folgen nicht der Spur, die bald östlich in eine schrecklich steile Flanke abzweigt, sondern halten uns weiter am Grat bis zu einer felsigen Steilstufe, über die drei Abseilfahrten von je gut 25m hinabführen. Selbstsicherung; Seilmitte einfädeln, Seilenden abknoten, Abseilgerät und Hintersicherung anbringen; zielen, Seilbündel hinabwerfen; Standschlinge lösen, prüfender Blick, vorsichtiger Hantieren im Hinabschaukeln… Vorsichtiges Abziehen des Seiles, damit es keine unschickliche Liaison mit dem einen oder anderen Felszapfen eingeht. Die Seilmanöver dauern nun schon etwas länger, wir merken erhebliche Erschöpfung, lachen ab und zu schon kindisch bei Gedanken an Rast und Ruhe am Rifugio. Luftiger letzter Abseiflug, überhängend.

In einiger Distanz erkennen wir zwei Bergsteiger, seitens Diavolezza kommend, auch Richtung Rifugio ziehend. Während die beiden noch bergauf bei nun fast sommerlichen Temperaturen schwitzen müssen, fahren wir auf den Schuhsohlen ab. Der Hang ist dabei stabil, wir erkennen heute keine Lawinenbedrohung auf diesem südseitig voll exponierten Hang auf den letzten Metern. Welche Ankunftsfreude. Die Wolkentürme stehen still in der Ferne, sonnig ist es auf der Terasse des Rifugio. Wir breiten uns aus, Material zur Trocknung, uns zum Grinsen… Kaltblütern gleich tanken wir Wärme auf den felsigen Stufen. Sonnenschutz übers Gesicht und eine Runde dösen. Göttlich.

Winterraum des Rifugio Marco e Rosa

Winterraum des Rifugio Marco e Rosa

Hohe Nacht, Tief am Morgen

Die zwei Bergsteiger sind inzwischen da – ein wettergegerbter, drahtiger, älterer Herr und seine weibliche Begleitung, die wohl nicht nur Seilpartnerin ist – hoffentlich bedeuten wir hier keine Störung einer einsam geplanten, romantischen Nacht… Sie haben Ihren Teil im urigen, aber für einen Winterraum doch komfortablen Quartier bezogen. Charmant. Viel altes Holz, enge Kojen mit 30 Liegeplätzen, 2 Wolldecken und sogar ein Kissen je Platz! In einer durchsichtigen Notkiste lagert fast ein Kubikmeter Schüttelbrot, ein 10l-Humpen Rotwein thront auf der Tafel in der Raummitte. Nostalgie.

Wir sind des Italienischen leider nicht mächtig, und so kann sich die Freundschaft am Berg nur in Andeutungen von Gespräch über Gipfel, Routen und im Angebot von Kleinigkeiten entfalten. Der Abend vergeht mit Wasserkochen für den Folgetag und Suppenkonsum, mit Materialpacken und Routenrememorierung. Morgen erst wird es zur Diavolezza gehen, statt heute direkt – dafür mit Überschreitung des Piz Palü von West nach Ost und fairem Fußmarsch ins Tal. Benjamins Plan. Guter Plan.

morgendliche Gletscherquerung zum Piz Palü

morgendliche Gletscherquerung zum Piz Palü

Ich lasse Benjamin auch gern am bitterkalten Morgen seiner Untergrundvorliebe für Schnee und Eis gemäß die Führung durch das nächtlich tiefblaue Spaltengelände. Dafür packe ich mir wieder das Seil auf und spiele Packesel. Und dieser Esel ist beim Start mürrisch, wortkarg. Er hat verdammt schlecht geschlafen und dazu Kopfschmerzen. Es hat nicht an der Kälte gelegen – wohlig warm war es unter den Wolldecken im Winterraum, trotzdem man drinnen seinen eigenen Atem sehen konnte. Vielleicht hat die Höhe etwas Tribut eingefordert, immerhin haben wir auf 3600 Metern Höhe genächtigt. Jedenfalls hat der Esel zu wenig getrunken und gegessen am Vortag. Dämlicher Esel. So trottet er Benjamin hinterher, anstrengende zwei Stunden Richtung Palü. Der Esel denkt währenddessen allen (betäubtem Geist eigenen) Ernstes, Hochtouren seien doch irgendwie lästig, stapf-stapf, blöder Gletscher, saukalt – dann doch lieber anspruchsvoll in warmen Gefilden Klettern gehen! I-A.

Sonnenaufgang über polarem Ambiente im Süden

Sonnenaufgang über polarem Ambiente im Süden

Benjamin dagegen scheint nicht angestrengt. Oder ich bekomme es nicht mit. Hören kann ich unter zwei Mützen und hinter der Neoprenmaske kaum etwas. Zielstrebig stiert Benjamin durchs Dunkel.Doch, oh Wunder, kaum ergreife ich längst überfällige Gegenmaßnahmen in Form von gezwungener Flüssigkeitszufuhr und Energiegel, kehren die Kräfte wieder. Auch der Gefallen am selbsterwählten Los des Hochtouristen. Ich sehe wieder die Schönheit bizarrer Eisformenspiele, genieße wieder unsere Einsamkeit so nah der Zivilisation, habe wieder Spaß an der physischen Selbstüberwindung, sich stets noch ein paar Schritte abzuverlangen, und noch welche, und noch welche.

 

Auf und über den Palü

Mit der seelisch wärmenden Dämmerung in kalter Morgenstunde und Blick auf den nahen, felsigen Westgrat des Piz Palü schließe ich auch die unmittelbare Zukunft dieser Tour wieder in mein Herz ein. Der Fels ist blank; Pickel weg, Steigeisen runter. Wunderbarer Granit! Farbenprächtige Palette. Leicht, maximal im zweiten alpinen Grad führt uns seilfrei begehbares Gelände über Platten und Blöcke rasch hinauf. Ich blühe auf, da die Hände die rötlichen Riesen greifen dürfen. Fast eile ich davon.

am Westgrat des Piz Palü - Blick in die Eisbrüche seiner Nordflanke

am Westgrat des Piz Palü – Blick in die Eisbrüche seiner Nordflanke

 

Innehalten, Staunen, im Übergang in wieder eisiges Gelände. Tief saugt der Abgrund den Blick in die Eisbrüche der Nordflanke. Noch ein Firnhang, das Gelände lehnt sich zurück, es weitet sich, ebnet sich… wir sind auf dem Hauptgipfel des Piz Palü. Allein, wiederum. „Unglaublich.“ Erst sagt es Benjamin. Nocheinmal. Dann bestätige ich. Erneut. Ich photographiere. Wir setzen uns. Die Kurzatmigkeit weicht. Kaminwurznpause mit Rundumblick. Erhabenes Blau, Sonnenstrahlen brechen Fächer in den Dunst der Täler. Beruhigung. Bestes Wetter, nach wie vor, keine Komplikationen.

Blick vom Gipfel des Piz Palü nach Südosten

Blick vom Gipfel des Piz Palü nach Südosten

 

Der Übergang zum Ostgipfel erfolgt auf archetypischer Firnschneide – ebenfirnig beinahe in Marschrichtung, saugende Optik zu beiden Seiten. Über 70° steile Flanken; vorsichtiges Gehen am kurzen Seil, sprungbereit mit Reserve. Nochmals Herzpochen. Inmitten der exponierten Passage hält Benjamin inne, bezieht sauberen Stand und dreht sich um. Bis über beide Ohren grinst er mich an. Vielleicht hat er gemerkt, wie mich die Schlepperei des Morgens angestregt hatte, dass ich nun aber wieder in gestriger Hochform bin? Ich photographiere und grinse zurück: “Ned hudln!”

Seilpartner auf scharfer Schneide - Übergang zum Ostgipfel des Piz Palü

Seilpartner auf scharfer Schneide – Übergang zum Ostgipfel des Piz Palü

 

Wir steigen weiter ab und begegnen dabei zwei aufsteigenden Seilschaften, von der Diavolezza kommend. Der Bergführer einer dieser Seilschaften fragt im freundlichen Berg-Smalltalk zum Biancograt, zur Lage an Piz Bianco, Übergang zum Piz Bernina, Spalla nach. Etwas Stolz verspüren wir schon, ihm berichtend… Breiter Stapfspur folgen wir zwischen tiefen, blauen Abgründen, eine gigantische Querspalte ist sogar durch einen Holzsteg überwindbar, der sich jedoch per Kipplage den Fließkräften ergibt. Verlockende Abfahrtslinien von Skibergsteigern zieren dazwischen die Hänge vor dem Palü-Ostgipfel. Oh, Abfahren wäre nun fein! Wir sind jedenfalls froh, die Ostseite des Palü ab-, nicht aufzusteigen. Wie herrlich leicht haben wir Höhe auf dem felsigen Westgrat gewonnen, wie locker laufen wir hier straks bergab, wo die Sonne nun auf monotonen Hang niederbrennt. Zuletzt haben wir noch einen sich etwas ziehenden Auslauf durch eindrückliches Spaltengewirr zu absolvieren und profitieren dabei enorm von der guten Spuranlage.

Panorama von der Diavolezza aus - links Piz Palü, rechts Piz Bernina mit Biancograt

Panorama von der Diavolezza aus – links Piz Palü, rechts Piz Bernina mit Biancograt

Dann, endlich, kurz vor Mittag sind wir auf der Diavolezza. Teuflischer Hochbetrieb! Ein Auge weint mit, im allergischen Schock auf den Kontrast zu den Vortagen. Aber… Kulturkritik bezüglich Gondelbetrieb und entsprechender Einrichtungen gehört ja schließlich zum feinen Ton des Voll- / Semi- / Viertel- / oder sonstigem Bruchteil-Alpinisten. Nur dass früher alles besser gewesen sei, können wir schwer festhalten, denn da waren wir ja noch nicht dabei. Ich bestelle einen Teller mit einer Phantasie, ja einem Hauch vom Kuchen, Nusstörtli, welches mir wie eine Loriot’sche Birne Helene vorkommt. Notabene – Bestellung von Speise, obwohl ich noch eine Specksemmel im Rucksack habe. „Draf gschissn“, dazu wird sich auch noch ein Kaffee gegönnt auf der Panoramaterrasse, zum grandiosen Rückblick, zur Feier der Absolvierung der prachtvollen Wege. Biancograt. Bernina. Palü mit seinen Pfeilern… Was für eine Laune der Erosion, solche Symmetrie entstehen zu lassen. Die Pfeiler… schon schmieden wir wieder Pläne, suchen berühmte Linien in der Prachtkulisse.

Was bleibt?

Ciao Diavolezza, adé. Wir laufen etwas länglich, doch einen ruhigen, stilgerechten Ausklang ermöglichend, über Wanderwege zur Rätischen Bahn, zur Talstation der Bergbahn. Wir sind wieder unten, die Tour ist absolviert, auch kein Haxenbruch auf den letzten Metern. Wechselseitig beglückwünschen wir uns. Mit dem ganzen schmucken Material und den große Rucksäcken sind wir am Bahnsteig heute bunte Hunde. Zweimal nähern sich im Vorbeischlendern ältere Herrschaften, sehnige, grauhaarige Schweizer, jeweils mit gleichfalls berggesonnter Gattin, leise grüßend. Nach oben blickend fragen sie – um nach Bestätigung dann leicht seufzend, mit Glanz in den Augen zu verraten, ja den Biancograt, den hätten sie auch gemacht, als sie noch jünger waren. So zehren sie immer noch von Ihren Erlebnissen, so erinnern sie sich noch, mit Wärme und Glanz – das bleibt also, das bleibt von diesem Tun, das mehr als Sport ist, von der Eroberung des scheinbar Nutzlosen! Erinnerungen.

Welches werden tiefe, bleibende Erinnerungen? Gründet entsprechende Aufnahmefähigkeit und tiefe Verankerung im Gedächtnis nicht oft in einem persönlichem Erschrecken, einem Erzittern der Seele, elementarer Wachsamkeit? Schönheit der Natur, Qualität einer Route oder Angst im Wettersturz mögen solche seelischen Beben auslösen. Bedarf es gewisser Unsicherheit des Gelingen? Unter Wachsamkeit geborene, mit Sehnsucht erhoffte, nicht selbstverständliche Erfolge bleiben in Erinnerung, ob ihre Bilder stiftenden Kolosse nun Biancograt heißen oder nicht.

Was bleibt mir vom weißen Diamant? Bilder und freudige Erinnerungen habe ich auch von anderen Bergtouren mitgebracht. Aber bislang nur mit dieser Tour verbinde ich etwas Akustisches, einen schwingenden Gitarrenschrei aus atmosphärischer Spannung. Eine gleißende Gitarren-Protuberanz, die mich erschreckt hatte, und auf der sich dann eine kleine Seilschaft einsam durch das All ihrer Vorstellung ein Stück aufgeschwungen hat.

Kurzchronik:

-Tag 1-
15:00 Pontresina (1805m), Langzeit-Parkplatz am Eingang zum Val Roseg
18:00 Tschierva-Hütte (2573m), Ankunft

-Tag 2-
04:00 Tschierva-Hütte (2573m), Abmarsch
07:45 Fuorcla Prievlusa (3430m), Umgehung der Steinschlagrinne
09:45 Biancograt, Fuß
11:00 Piz Bianco (3995m)
13:45 Piz Bernina (4048m)
15:15 Abseilstelle an der Spalla
16:00 Winterraum Rifugio Marco e Rosa (3604m), Ankunft

-Tag 3-
05:00 Winterraum Rifugio Marco e Rosa (3604m), Abmarsch
07:15 Piz Palü Westgrat, Fuß
08:30 Piz Palü Hauptgipfel (3900m)
09:30 Piz Palü Ostgrat, Fuß
11:45 Diavolezza (2973m), Ankunft
12:30 Diavolezza, Abmarsch
14:00 Diavolezza Talstation (2093m)
15:00 Pontresina Bahnhof

Literatur:

Edwin Schmitt, Wolfgang Pusch: Hochtouren Ostalpen. 100 Fels- und Eistouren zwischen Bernina und Tauern, Bergverlag Rother, 2011

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