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Der Alpentrail - Ein Schlittenhunderennen wie kein anderes...

02.02.2012

Der Alpentrail – Ein Schlittenhunderennen wie kein anderes…

Nach 273 km und ca. 9500 Höhenmetern quer durch die Alpen steht eines sicher fest: Das Alpentrail ist ein Schlittenhunderennen wie kein anderes, auf dem ich bis jetzt ein Team gefahren bin. So viele Höhenmeter, so weite Strecken durch hochalpines Gelände und eine derartige Ausdauerleistung sind ein absolutes Alleinstellungsmerkmal dieses Rennens. Ganz zu schweigen von der gelebten Fairness und der Pflege eines besonderen Gemeinschaftsgefühls. Umso unerklärlicher bleibt, warum nicht mehr Musher (Hundeschlittenfahrer) an diesem Rennen teilnehmen.

Zu Beginn die Schweiz

Stau bei der Auffahrt in Lü, Schweiz.

Stau bei der Auffahrt in Lü, Schweiz.

Nun ist das Alpentrail 2012 Geschichte. Sieben Etappen liegen hinter den Teilnehmern, jede hatte ihre eigenen Herausforderungen. In Lü, eine der höchsten Gemeinden der Schweiz, galt es zu Beginn an zwei Tagen jeweils 39 km zu absolvieren. Dabei ging es vom Ort hoch hinauf zu einem Skilift auf 2400m und dann in langer Abfahrt hinab nach S-Charl. In diesem – im Winter eher verlassenen – Ort galt es mit dem Team anzuhalten und so lange zu warten bis der letzte Teilnehmer die verschneite Dorfwiese erreicht hatte. Erst dann wurde das komplette Starterfeld mit je einer Minute Abstand wieder nach Lü zurückgeschickt. Die ganze Prozedur nennt sich Re-Start und bietet für die Hunde zu Beginn des Alpentrails eine gute Eingewöhnung auf die langen Wege. Denn nach den bis dahin 23 zurückgelegten Kilometern können sie sich eine Weile ausruhen und die Musher können ihnen Fleischbrühe oder Energiesnacks verabreichen. Die beiden Etappen in Lü liefen gut für mich. Ich hatte am ersten Tag wenig Probleme mit meinem Team und konnte somit den größten Teil der Strecke mit hoher Geschwindigkeit durchfahren. So wurde ich am ersten Tag Zweiter in meiner Klasse.

Hinauf zur Plätzwiese

Nach einem Ruhetag, der von allen Teilnehmern zum Umsetzen der Autos in die Dolomiten, genauer nach Prags, genutzt wurde, ging es dort am Dienstag in Richtung Plätzwiese weiter. Dem langen Anstieg bis zur Plätzwiese folgte eine steile Abfahrt bis nach Schluderbach, die von zahlreichen Serpentinen durchzogen war. In solchen Abfahrten ist besonders darauf zu achten, dass die Anspannung dauerhaft gespannt bleibt, um das gesamte Team homogen den Berg hinunter laufen zu lassen. Das bedeutet für den Musher, dass er den Schlitten kontinuierlich etwas abbremsen muss. Beim Abfahren kann man wenig Zeit gut, dafür viel falsch machen. Fährt man zum Beispiel zu schnell, drohen schwerwiegende Schulterverletzungen bei den Hunden.

Im Höhlensteintal angekommen führte die Strecke in eine Schleife und anschließend wieder den Weg bis nach Prags zurück. Dabei kommen einem viele Teams entgegen und man fährt an diesen im „Head on Passing“ vorbei. Bei der überwiegenden Zahl der Sprint-Rennen wäre so etwas undenkbar, beim Alpentrail ist dies völlig normal. Der Auffahrt von Schluderbach zur Plätzwiese zieht sich lange hin und ist kontinuierlich sehr steil. Bei solchen Anstiegen fahren die wenigsten konsequent voraus. Oft ist viel mehr so, dass man sich in kleinen Gruppen den Berg hocharbeitet: Ein Team fährt voraus, was die folgenden Teams dazu animiert, diesem nachzujagen. Nach einiger Zeit fährt wieder ein anderer voraus. Manchmal gelingt es einem Musher durch Mitlaufen und andere Formen der Mitartbeit sich von solchen Kleingruppen zu lösen. Das sind die entscheidenden Sekunden oder gar Minuten, die man in einer Etappe gut machen kann.

Unglücklicher Sturz

Ruhe vor dem Sturm, Massenstart in Sexten.

Ruhe vor dem Sturm, Massenstart in Sexten.

Angekommen auf der Plätzwiese blieb nicht viel Zeit zum Verschnaufen, denn es ging sehr schnell wieder hinab Richtung Prags. Bei mir ging es zu schnell. Auf einem eher kurzen, aber dafür sehr steilen Stück der Abfahrt stürzte ich schwer. Eine der Grundregeln des Hundeschlittenfahrens ist eigentlich, den Schlitten niemals loszulassen, da sonst die Hunde wegrennen würden. Doch in dieser Situation schaffte ich es einfach nicht, ließ los und fiel einige Meter den Abhang hinunter. Ich dachte das Rennen wäre für mich gelaufen, da ich selbst, wenn ich in Ordnung wäre, das Team bestimmt nicht so schnell wiedereinfangen könnte. Starke Schmerzen im linken Knie plagten mich und ohne es zu belasten, musste ich mich irgendwie diesen Abhang hochkämpfen. Dies gelang mir auch und glücklicherweise hatte ein ehemaliger Musher und Fotograf einige Meter weiter das Team zum Stehen gebracht. Jeglicher Gedanke ans persönliche Rennende war wie weggeblasen, da ich nun völlig fokussiert darauf war, so schnell wie möglich mit dem Team weiterzukommen. Die Schmerzen im Knie verringerten sich nur etwas, ins Ziel kam ich dennoch. Die zahlreichen Tierärztinnen nahmen sich im Laufe des Tages meinem Knie an, so dass ich auch in allen weiteren Etappen starten konnte und mich der Sturz insgesamt nur einige Minuten kostete.

Die letzten Etappen in Sexten

Nach den zwei Tagen in Prags stand der Umzug der Karawane nach Sexten an. Da dies nicht sehr lange dauerte, wurde am gleichen Abend noch eine Nachtetappe ausgefahren. Alle Musher starteten also mit einer guten Kopflampe und waren fast ausschließlich auf die Navigationsfähigkeiten ihrer Leithunde angewiesen. Obwohl Fackeln oft den richtigen Weg andeuteten, mussten viele Musher die Wegfindung ihre Hunden korrigieren. Die beiden nächsten Tage warteten dann mit einem besonderen Highlight auf: dem Massenstart. Alle Teams starten in Reihen geordnet zur gleichen Zeit aus dem Startbereich hinaus und müssen sich auf den ersten Kilometern ordnen. Eine große Herausforderung für Hunde und Musher, die mein Team überraschend gut meisterte.

Duell um Platz zwei

Fahren durch hochalpines Gelände, Plätzwiese

Fahren durch hochalpines Gelände, Plätzwiese

Im Verlauf des gesamten Alpentrails hatte sich für mich ein Duell um den zweiten Platz in der 6-Hunde-Klasse mit Martin Dickel ergeben. Lag ich anfangs klar vorne, gelang es ihm sich vor mich zu setzen. Trotz der langen gesamten Fahrzeit von ca. 14h trennten uns zu Beginn der letzten Etappen nur 25sec. Während dieser Etappen galt es für mich noch mehr zu kämpfen und den Hunden Last abzunehmen. Doch trotzdem man ein solches Duell gerne für sich entscheiden will, wünscht man doch eines seinem Kontrahenten nicht:  Den Ausfall von wichtigen Hunden. Leider konnte Martin am letzten Tag jedoch nur mit fünf Hunden an den Start gehen. Da ich alle Hunde einsetzen konnte, gewann ich die Etappe an diesem Tag sogar und konnte mir insgesamt den zweiten Platz in 6-Hunde-Klasse sichern.

Die Leistung der Hunde und Schlittenhundesport, wie er sein sollte

Tagessiegerehrung in Lü, Anwesensheitspflicht für die Musher.

Tagessiegerehrung in Lü, Anwesensheitspflicht für die Musher.

Solche durchaus langen Distanzen mit Hunden zu fahren, stellte ein Novum für mich dar. Es ist schön zu sehen, wie gut die Hunde so etwas durchstehen können und auch noch sichtlich Spaß dabei haben. Die zahlreichen Tierärztinnen kümmern sich intensiv um kleinere Verletzungen und sorgen im Notfall dafür, dass ein verletzter Hund nicht mehr an den Start gehen darf. Wie schon eingangs erwähnt, bleibt mir unerklärlich warum in diesem Jahr so wenige Teilnehmer an den Start gingen. Schlittenhundesport ist in Mitteleuropa ein zunehmend „sterbender“ Sport. Das ist seit einiger Zeit klar und zeigt sich seit Jahren in abnehmenden Teilnehmerzahlen auf Sprintrennen. Das Alpentrail war bis zu diesem Jahr allerdings von diesem Schwund nicht betroffen und führte somit ein Nischendasein. Diese Entwicklung ist deswegen traurig, weil Schlittenhundesport insgesamt so betrieben werden sollte, wie es auf diesem Rennen vorgelebt wird: Hier sind die Hunde nämlich genauso viel wert wie die Musher und als Team gilt es, in 8 Tagen eine wirklich sportliche Leistung zu vollbringen.

Das Copyright auf alle Bilder liegt bei Martin Hanselle & Hans Rogg, www.alpentrail.de

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