Testberichte

Kletterschuhe Boreal Kintaro

10.02.2012

Kletterschuhe Boreal Kintaro

Was habe ich immer an Boreal Kletterschuhen rum kritisiert: komische Passform, Form unbeständig, kein Downturn und keine Vorspannung, die Ferse zu hart am Rand usw. Als ich die Kletterschuhe Boreal Kintaro auf der Outdoor sah, schöpfte ich Hoffnung für einen Neuanfang mit dieser Kletterschuhmarke, denn langsam habe ich das dehn- und formfreudige Leder (wieder) zu schätzen gelernt. Bei diesem Modell hatte Boreal alles geändert, was man nur ändern konnte, was natürlich für die entsprechende Vorfreude sorgte.

Optik, Verarbeitung

Gute Optik, nettes Design

An der Optik der Boreal Kletterschuhe gab es noch nie was auszusetzen. Sie war und ist ansprechend, individuell und auf dem Markt einzigartig. Das rechne ich den Spaniern hoch an, denn da wird beim Design wirklich tolle Arbeit mit hohem Wiedererkennungswert geleistet. Kein Schuh gleicht dem anderen und schon gar nicht der Konkurrenz. Kintaro ist da keine Ausnahme. Die grüne Farbe wirkt frisch und freundlich. Für etwas Kontrast und Farbe sorgen, die in Gelb gehaltenen Klettverschlüße. Der Downturn und die Vorspannung verleihen ihm einen tatkräftigen Eindruck. Zur Unterstützung der Optik wurden nur wenige “Features” benutzt, die allesamt gut platziert wurden. Insgesamt passt der Name (eine fromme Märchenfigur mit übernatürlichen Kräften) zu der gesamten Optik perfekt dazu. Die Verarbeitung ist ebenso Boreal typisch: solide, robust, vertrauenserweckend. Alles ist da wo es hingehört: die Sohlenkante ist scharf geschliffen, die Nähte und Klebestellen sind zum großen Teil sauber gearbeitet, alle Verklebungen sind fest. Nur an ein Paar Stellen entdeckt man kleine Abweichungen von der Perfektion. Nichts was den sehr guten Gesamteindruck trüben könnte. Die Kombination aus der originellen Optik und nahezu perfekten Verarbeitung, halten das Gefühl der Euphorie aufrecht und machen erst richtig Lust rein zu schlüpfen.

Konstruktion

Die Ferse sieht breiter aus als sie ist

Trotz der schon genannten Änderungen, bleibt Boreal einigen Maximen der Konstruktion weiterhin treu. So haben die Kletterschuhe Boreal Kintaro trotz des Downturns eine durchgehende Sohle, besteht aus Leder und hat keine Fütterung. Des weiteren ist die Sohle aus dem neuen, extrem klebrigem Gummi satte 5mm dick, was natürlich Vor- und Nachteile hat. Der Schuh hat eine Zwischensohle, die angeblich “anti-deformation” ist und ihre Form (also den Downturn) behalten soll. Diese hat eine “anatomische” Aussparung und lässt den Rand der Sohle wie eine Kufe wirken. Außen hart, innen richtig weich.

Eine weitere Neuerung, stellt das V2-Rand, welcher die Vorspannung im Fußgewölbe aufrechterhält und die Schuhsohle richtig an die Fusssohle ran zieht. Der Schuh ist im Prinzip ein Slipper, denn die früher so nervige, zu große Zunge, ist einer ganz dem Fußrist folgenden straffen Zunge gewichen.

Massive Velcro bietet Megahalt

Diese sorgt für ein bisschen Slipper Feeling beim Anziehen, auf die Klettverschlüße verzichten lässt sich aber nicht. Das macht man auch ungern, denn die beiden zum Teil sehr breiten Bänder sorgen für so viel Spannung und Halt, dass der Schuh bombenfest am Fuss verankert wird. Die Ferse wurde ebenso geändert. Die lange Zeit überstandene IRS Ferse wurde überarbeitet, gestrafft und anders gummiert. Das Gummi der Ferse besteht aus dem Sohlengummi namens Zenith und macht diesen Teil des Schuh´s genauso klebrig wie die Spitze. Das Randgummi ist auch weicher Natur und bietet den Zehen etwas Flexibilität. Die Zehenbox ist leider “traditionsgemäß” nicht gummiert, was ich ehrlich gesagt nicht verstehen kann, da der Hersteller bei der Beschreibung von einem idealen Boulderschuh spricht.

Passform und Größe

42er Kletterschuhe Boreal Kintaro gefüllt mit einem 43er Fuss

42er Kletterschuhe Boreal Kintaro gefüllt mit einem 43er Fuss

Die Wahl der richtigen Größe, ist bei diesem Modell von größter Bedeutung. Das natürliche Obermaterial dehnt sich früh und nicht zu knapp. Bereits nach der ersten Bouldersession war er eine halbe Größe größer. Kauft man diese Schuh etwas zu groß, dann wird er sehr schnell sehr viel zu groß. In meinem Fall, habe ich mich für 42,5 EU entschieden und habe es etwas bereut. Mit einer 42 EU wäre ich auf Dauer besser bedient. Die richtige Größe zu ermitteln ist einfach. Man fange mit einer ganzen Größe unterhalb der Strassenschuhgröße an und taste sich weiter runter, bis zur minimal Größe. Diese wird nach dem Einklettern perfekt passen. In meinem Fall, ist das Problem, dass ich durch die schmale Passform bei 42,5 EU mit dem großen Zeh nicht vorne ankomme und dadurch minimal Luft in der Spitze habe. Bei 42 EU müssten die Zehen vorne sein, nur wird mein breiter Fuss durch die Enge bedrängt. Doch das hätte in Anbetracht meiner jetzigen Erfahrung langfristig mehr Sinn gemacht.

Die Bananige Form der Sohle täuscht etwas, Kintaro ist schmal aber nicht so stark asymmetrisch

Insgesamt ist die Passform schmäler, langgezogene Zehenbox und reduziertes Volumen, prägen den ersten Kontakt des Fußes mit den Kletterschuhen Boreal Kintaro. Die Ferse sitzt traumhaft gut, die Klettverschlüße erzeugen eine bombastische Spannung und ziehen den Schuh angenehm fest am Fuss. Kintaro ist definitiv für aufgestellte Zehen ausgelegt, das sieht man sofort an dem vorgeformten Material in diesem Bereich. Riesen Vorteil ist dabei, der hohe Komfort bei stark aufgestellten Zehen. Das Leder gibt so schnell nach, dass man so ziemlich gleich nach dem Auspacken seinen “persönlichen Schuh” bekommt. Die griechischen Füße, finden bei diesem Modell gut Platz für ihren überlangem zweiten Zeh. Auch Kletterer mit unterschiedlich großen Füßen, haben beim Boreal Kintaro die Möglichkeit den Kletterschuh zurecht zu dehnen. Ansonsten sind lange Zehen bei diesem Modell echt vom Vorteil um die großzügige aber schmale Zehenbox optimal zu füllen. Was das Fußklima angeht, bin ich momentan der Meinung, dass dem Leder kein synthetischer Stoff jemals das Wasser reichen kann. So ist auch Kintaro, er schmiegt sich dem Fuss an, schafft da Platz wo er benötigt wird und bietet einen sehr angenehmen Komfort.

Performance 

Leisten sind seine Sache

Die Leistungen in diesem Bereich hängen extrem stark mit der passenden Größe zusammen. Für schwierigsten Projekte kommt man an einer richtig engen, die Zehen optimal zusammenfassenden Größe nicht vorbei. Dann hat der Kintaro genug Dampf auf der Spitze, um quasi auf jedem Mist zu stehen. Allerdings machte die Spitze der Sohle in Kombination mit meiner Fußform nicht den pointiertesten Eindruck. Die langgezogene Zehenbox schafft zwar eine spitze Form, doch die Spitze ist etwas runder als sie auf den ersten Blick wirkt. Somit findet man zwar noch Platz in Einfingerlöchern aber ohne die Reibung der Sohle würde das Stehen in diesen etwas suboptimaler ausfallen. Die Leisten dagegen passen diesem Schuh voll ins Profil und lassen sich wunderbar antreten. Die sensationell klebrige Zenith Sohle ist sehr weich und bietet gute Sensibilität und hohe Anpassbarkeit an unförmige Tritte. Verschmutzt sie jedoch, verliert sie deutlich an Reibung. Sauber halten und etwas einklettern/aufrauen, lassen sie ihre volle Kraft entwickeln. Steht man dann mit dem Schuh auf Reibung – klebt er wie Sekundenkleber und rutscht definitiv nicht ab. Man hat aber ein etwas seltsames Gefühl beim belasten. Es liegt an der weichen Konsistenz des Gummis, welches sich immer weiter in den Tritt reingräbt und sich mit ihm verbindet. Ansonsten ist es wirklich reibungsstark und erleichtert an einem oder anderem flachen Tritt das Leben. Die Aussparung der Mittelsohle sorgt für hohe Flexibilität beim Greifen und Ziehen mit den Zehen. Die härtere Kante ist dagegen recht stabil, was sich in der guten Performance auf Leisten äußert. Im Überhang ist der Kletterschuh Boreal Kintaro somit genau so zuhause wie au Reibungstritten einer senkrechten Wand. Er klettert sich gefühlvoll und direkt, den recht leichten Downturn nimmt man kaum wahr.

Die neue Ferse lässt sich nahezu überall super platzieren

Dank der gut sitzenden Ferse ist das Hooken wirklich ein Genuss. Das klebrige Zenith Gummi auf der Ferse  sorgt selbst auf flachsten Reibungshooks für optimale Kraftübertragung. Die neue Form der Ferse legt sich auch auf Leisten gut platzieren. Das Hooken in Schlitzen ist mit dem hinten doch breiten Kintaro nicht so optimal möglich wie mit einem Five Ten Blackwing. Kommt nach der “Verklebung” der Sohle mit der Hookfläche Zug drauf, bewegt sich der Schuh nicht vom Fuss, der breite Velcro hält ihn bombenfest drin. Das Gefühl beim Hooken ist auf alle Fälle vorhanden, da die Ferse nicht so starr ist wie die IRS Vorgängerversion.

Bei einfachen Sachen, funktioniert es auch ohne Gummierung

Die Toe-Hooks sind wie erwartet – nicht herausragend. Aufgrund der “langgezogenen” Zehenbox kann ich in meiner alles andere als sehr engen Größenkonstellation, die Zehen richtig gut anheben. Das sorgt zusammen mit eher weicher Konstruktion für eine gute Anpassung an die Hookfäche. Man kann also sehr gut Kraft ausüben und der Formschluss herstellen, woran die perfekte Toe-Hook Performance scheitert ist die Reibung. Ich weiß immer noch nicht was Boreal daran gehindert hat die Zehenbox mit einem Stück Zenith Gummi zu versehen. Immerhin sollte Kintaro ein moderner Schuh für steiles Gelände sein…

Insgesamt klettern sich die Kletterschuhe Boreal Kintaro ausgewogen, sensibel und recht direkt. Im Überhang lässt es sich mit den Zehen greifen, auf Reibung lässt er sich problemlos trotz des Downturns durchdrücken. Bei ausreichend knappen Größe geht es an der Spitze präzise und sauber zu. Die Ferse ist besser als ihr erster Eindruck. Alles in einem klebt der Schuh überall nur nicht bei Toe-Hooks.

Haltbarkeit

Kaum Verschleiß, dafür Downturn fast weg

Wenn man solch ein weiches, klebriges Gummi in einem Kletterschuh verbaut sieht, geht man automatisch davon aus, dass der Verschleiß im Quadrat zur zunehmenden Reibung steigt. Doch in diesem Punkt hat mich das neue Zenith Gummi dieses

Kletterschuh´s eines besseren gelehrt. Die scharfe Kante der Sohle behielt ihre Beschaffenheit und lies sich selbst nach mehrmaligen Einsätzen an künstlichen Wänden nichts anmerken. Das hat mich wirklich erstaunt, denn alle andere sehr weichen Gummimischungen wiesen nach kürzesten Zeit die Spuren der Reibungskräfte auf. Zenith ist ganz sicher nicht unverwüstlich, aber was die Abriebfestigkeit angeht kann sich diese spanische Mischung mit den Stealth HF/Mystique messen. Sehr gut. Einzig der Downturn macht nicht den Eindruck, als würde er die ursprüngliche Form langfristig beibehalten. Der Rest des Schuh´s macht einen sehr haltbaren Eindruck, was, wenn gewünscht, mehrere Wiederbesohlungen ermöglicht. Nichts hält ewig, aber ein Jahr müsste bei diesem Kletterschuh drin sein.

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Die Zunge ist deutlich kleiner, als zuvor. Einstieg klappt dennoch Spitze

Auf Grund der Tatsachen, dass ich den Schuh bis jetzt nur in der Halle geklettert bin, kann ich nur von dem Grip auf den abgespeckten Spax als Limiterfahrungen berichten. Was man aber aus Sachsen hört, scheinen die Jungs und Mädels dort im Sandstein ganz gut mit dem neuen Schuh und dem neuen Gummi klarzukommen. Am Plastik ist Kintaro auf jeden Fall am richtigen Platz. Der Hacken in der Halle ist oft der mit Chalck bedeckte Boden. Ist die Sohle nämlich verschmutzt, geht die Reibung von der Stufe “Sekundenkleber” auf die Stufe “Normal” runter. Neben der Empfehlung für Plastik und weiche Felsarten darf die Fähigkeit der Anpassung an den Fuss nicht unerwähnt bleiben. Gerade unterschiedlich großen Füßen oder überlangen Zehen bietet Kintaro gute Chancen auf gemütliches und dennoch präzises Treten.

 

Fazit

Eine gute Weiterentwicklung der spanischen Tradition

Mit dem Kintaro ist Boreal ein sehr guter Kletterschuh gelungen, der den modernen Anforderungen des Kletterns gerecht wird. Ob Zenith wirklich den gleichen Durchbruch erzielt wie die damals erste Reibungssohle von Boreal im Jahre 1977, bleibt abzuwarten. Zu verbessern gibt es an diesem Modell nicht viel, dennoch sehe ich das Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft. Ein großer Wurf ist es alle mal. Die Qualität und die Beschaffenheit dieses Kletterschuh´s rechtfertigen den Preis absolut. Vor allem Dingen, wenn man bedenkt, dass dieses Produkt in Europa gefertigt wird und nicht in China. Hat man beim Kauf den Mut zu “Enge”, wird man schon nach einer kurzen Zeit belohnt. Der hohe Komfort ist bei solch einer aggressiven Ausrichtung nicht selbstverständlich und hat ebenso Beachtung verdient. Kintaro ist eine klare Empfehlung Wert.

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