Reise

Mit dem Rad durch Kasachstan: Unendliche Weiten

23.05.2012

Mit dem Rad durch Kasachstan: Unendliche Weiten

„Kasachstan? Mit dem Rad???“ Diese Frage verbunden mit einem sehr zweifelhaften Gesichtsausdruck sind wir von Familien und Freunden daheim schon gewöhnt. Aber dass nun auch der ukrainische Grenzposten tendenziell verstört reagiert, als er beim Durchblättern unseres Passes das kasachische Visum entdeckt, macht uns doch etwas unsicher. Mit unseren schwer bepackten Reise-Rädern haben wir seit unserem Start in Klagenfurt bereits 1.770 km zurückgelegt, bis zur kasachischen Grenze sind es noch mehr als 2.200. Und so manches Mal mischt sich in unsere Vorfreude eine Prise Skepsis, wenn wir an die lange Strecke durch das Nirgendwo der kasachischen Steppe denken.

Rund sechs Wochen später stehen wir an der russisch-kasachischen Grenze: Die letzten 300 Kilometer durch das menschenleere Kalmückien haben uns einen ersten Vorgeschmack gegeben, auf das, was uns in unserem 8. Reiseland erwartet. Aber dennoch ist vor Ort – wie so oft – alles anders.

Statt der slawischen Gesichtszüge, die wir erwartet hatten,  treffen wir auf eine deutlich mongolisch geprägte Bevölkerung.  Und die begrüßt uns mit einer Herzlichkeit, auf die wir bisher in keinem anderen Land unserer Reise getroffen sind. Autofahrer halten an, um uns Cola, Energy-Drinks und Glücksbringer zu schenken. Wildfremde notieren uns ihre Telefonnummer, damit wir – sollten wir auf Probleme stoßen oder eine Übernachtungsmöglichkeit benötigen – eine Anlaufstelle haben. Bauarbeiter, die die Araltrasse von einem buckligen Sand-Stein-Geröll-Gemisch in eine schicke Asphaltpiste verwandeln, laden uns zum Essen und zu einer spontanen Straßendusche unterm Wasser-Truck ein. Und überall, wo wir auftauchen, zücken die Kasachen begeistert ihre Handy-Kameras für einen Schnappschuss der zunehmend staubigen Radler, die sich anschicken, ihr großes Heimatland von West nach Ost zu durchqueren.

Begegnungen am Straßenrand

Aber es ist nicht nur die Gastfreundschaft, die Kasachstan zu einem großartigen Ziel für Reise-Radler macht. Es ist vor allem die atemberaubende Steppen-Landschaft mit ihrer verblüffenden Vielfalt, die auch lange, nachdem man wieder in der Heimat ist, nachhallt. Und für diese Eindrücke nimmt man die Strapazen, die eine solche Tour mit sich bringt, gerne in Kauf.

Dass eine Radtour durch Kasachstan kein Spaziergang ist, bekommen wir schon nach wenigen Tagen  deutlich zu spüren. Es ist Anfang Juni und wir verlassen Atyrau , um uns endgültig in die Einsamkeit der Steppe zu stürzen. Zwischen uns und der nächsten reellen „Stadt“ Aktobe liegen über 600 Kilometer – dazwischen existieren höchstens verstreut kleinere Ortschaften. Zumindest wenn wir unserer in Atyrau erworbenen Karte Glauben schenken wollen, die angesichts ihrer eher comichaften Aufmachung wenig vertrauenserweckend wirkt (ein Eindruck, der sich in den kommenden Wochen leider bestätigt. Zum Glück gibt es in Kasachstan so wenige Straßen, dass es schon eine Kunst ist, sich ernsthaft zu verfahren). Das Thermometer zeigt über 35 Grad an, der Wind pustet uns staubige Steppenluft entgegen und schon nach 40 Kilometern treibt uns der Durst in eine Kaffebude. Diese sehr einfachen Büdchen,  Cafezis genannt, werden in den kommenden vier Wochen unsere wichtigste Anlaufstelle, um Wasser, Brot und v.a. Schatten aufzutreiben. Unregelmäßig, aber mindestens im Abstand von 60-80 Kilometern taucht ein Cafezi  am Horizont auf und motiviert uns zu Höchstleistungen.

Cafezi-Pause: Je weiter wir nach Osten kommen, desto rarer macht sich die Bestuhlung.

Größer sind die Abstände zwischen den Orten – und damit auch zwischen den Übernachtungsmöglichkeiten in den (ebenfalls sehr bescheidenen) Gastinizas. Und so schlagen wir abends regelmäßig unser Zelt in der Pampa auf und genießen die Einsamkeit, die höchstens dann und wann von einer der diversen kasachischen Tierherden (Kamele, Rinder, Pferde, Schafe) durchbrochen wird.

Zeltplatz mit Ausblick: Wer in Kasachstan ein einsames Plätzchen sucht, wird schnell fündig.

Bis zum kleinen Ort Shalkar schlagen wir uns zum größten Teil auf – verblüffend gut befahrbaren – Sandpisten durch. Unseren ursprünglichen Plan, von hier aus über einen Feldweg zur Araltrasse abzukürzen, verwerfen wir spontan.  Der Weg sei unbefahrbar, „like Sahara“, erfahren wir von einer Kasachin. Mehr als diese zwei Worte braucht es nicht, damit wir mit Freude die 150 Kilometer Umweg auf uns nehmen, die die Nordschleife mit sich bringt.

Auf der Araltrasse angekommen, können wir unsere (wie bereits erwähnt ohnehin miserable) Straßenkarte beruhigt in die Satteltaschen packen: Es geht für mehr als 1.500 km straight geradeaus. Unser erster „echter“ Zielort ist Aral, wo wir uns die erste Dusche nach einer Woche Wildzelten erhoffen. Das traurige Rinnsal, das wir hier im Badezimmer des einzigen Hotels vorfinden, treibt uns direkt am nächsten Tag weiter Richtung Baikonur, das mit dem Kosmodrom den größten Raketen-Startplatz der Welt beheimatet. Die Stadt selbst steht unter russischer Verwaltung. Und so sehen wir uns am Stadtrand tatsächlich mit zwei finster blickenden Russen konfrontiert, die uns in Ermangelung eines nicht näher definierten „special documents“ den Einlass verwehren. Freundlicher empfängt man uns in Kyzylorda und Shymkent: Zwei Städte, die nicht nur ansprechende Unterkünfte, sondern vor allem auch eine wohltuende Abwechslung der russischen Küche bieten, die sich auf dem Land auf „Schaschliki“, „Manty“, „Borschtsch“ und „Lagman“ reduziert.

Kamele: Einzeln eher stoisch, in der Herde verblüffend agil.

Auf unseren Weg nach Osten durchbrechen immer häufiger Wasserläufe und grüne Täler die Steppe und verwandeln den sonst so trockenen Boden in eine halbtropische Sumpf-Landschaft.  Als sich das bislang topfebene Land in immer höhere Falten wirft, wird klar, dass wir uns der kirgisischen Grenze und damit unserem (vorläufigen) Ziel nähern. Dieses erreichen wir nach vier Wochen und insgesamt 2.700 Kilometern. Unsere Räder sind staubig, unsere Haut sonnenverbrannt und wir leiden definitiv unter einem eklatanten Gemüse-Defizit. Aber diese kleinen Unannehmlichkeiten nimmt man gerne in Kauf: für unendliche Weiten, denkbar einsamste Zeltplätze und den wohl größten Himmel der Welt.

So weit das Auge reicht - mehr Himmel geht nicht

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