Alpin

Skitouren für Nachtschwärmer – Hüttenabende im Allgäu

28.12.2011

Skitouren für Nachtschwärmer – Hüttenabende im Allgäu

Es ist still und dunkel, die Stirnlampe bleibt noch ausgeschaltet. Ringsum wirbeln die Schneeflocken umher, gleichmäßig schieben wir unsere Ski bergan, durch den Wald und über weite Almflächen. Schließlich sehen wir vor uns die hell erleuchtete Hütte, Rauch steigt aus dem Schornstein – ein wohliger Anblick.

Skitouren am Abend sind etwas ganz besonderes. Tagsüber wimmeln hier die Skifahrer und Rodler, nach Einbruch der Dunkelheit gehört – zumindest einmal in der Woche – der Grünten ganz den Skitourengehern. Sie alle haben die gemütliche Grüntenhütte zum Ziel, die ab Dezember immer Mittwochs zum Tourenstammtisch lädt. Schon seit einigen Jahren hat es sich zu einem richtigen Trend entwickelt, dass man „mal eben nach Feierabend“ noch eine Skitour geht. Das funktioniert so eigentlich nur in den (Vor-)Alpen, ist hier jedoch umso beliebter. Schnell kamen sich jedoch Tourengeher und Liftbetreiber ins Gehege, da nach Liftschluss normalerweise die Pistenraupen ausrücken, um wieder für ordentliche Schneeverhältnisse zu sorgen. Sind Seilwinden im Einsatz, kann es da auch mal gefährlich werden. Daher kam es fast zu einem Verbot für Tourengeher, überhaupt die Skipisten zu nutzen – schließlich stünden diese als Infrastruktur den zahlenden Skigästen zu Verfügung.

Am Parkplatz zur Skitour auf den Grünten

Am Parkplatz zur Skitour auf den Grünten

Aber natürlich sollte jeder Anspruch darauf haben, sich in den Bergen frei bewegen zu dürfen. So etablierten sich die „Tourenstammtische“ in den Skiregionen, natürlich auch im Oberallgäu.
Jeden Tag der Woche hat eine andere Hütte abends geöffnet und die Pisten werden vor 22 Uhr nicht präpariert. So bleibt genug Zeit, um gefahrlos nach Feierabend noch ein paar Höhenmeter zu gehen, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und zu später Stunde mit “Hirabira” (so heißen die Stirnlampen im Allgäu) abzufahren. Es gibt kaum etwas schöneres, als nach einem anstrengenden Bürotag mit Kollegen und Freunden die Felle aufzuziehen und den Tag mit einer kleinen Skitour zu beschließen.

Mittwoch: Feierabend-Skitour auf den Grünten

Spuren

Spuren

Fest eingeplant ist winters für uns immer der Mittwoch, an dem es auf den “Wächter des Allgäus”, den Grünten geht. Gestartet wird in Kranzegg, einem kleinen Dorf am Fuße des Bergs. Für viele ist der Ausgangspunkt am Parkplatz der stillgelegten Kammeregg-Lifte. Um dorthin zu kommen, legt man die ersten 100 Höhenmeter noch mit dem Auto zurück, bei starkem Schneefall ein abenteuerliches Unterfangen. Der Aufstieg von insgesamt ca. 500 Höhenmetern und 2,5 km erfolgt über die alte Skitrasse, oben wird der Gipfellift gequert und die Hütte ist nach einer knappen Stunde erreicht. Wer noch 100 Höhenmeter drauflegen möchte, startet weiter unten vom Parkplatz der Grüntenlifte und steigt über die Skipiste auf. Von der Hütte (1477 m) kann, wer möchte, noch ca. 150 Höhenmeter bis zum Lifthäuschen aufsteigen – ganz Wagemutige gehen ohne Ski noch weiter bis ans Jägerdenkmal am Gipfel.

Bei guten Bedingungen platzen die beiden gemütlichen Gasträume im Hütteninneren aus allen Nähten – aber irgendwann sitzt jeder vor einem vollen Glas, ist glücklich und schwatzt mit den Tischnachbarn. An den Wänden hängen alte Fotografien aus der Allgäuer Bergwelt: Kleine Stadel im meterhohen Schnee, Skipioniere und Stammgäste der Hütte. Der Wirt Norbert Zeberle und sein Team kredenzen den Tourengehern vorzugsweise Bier von Zötler, der ältesten Familienbrauerei Deutschlands mit Sitz im benachbarten Rettenberg. An den „Vollmondstammtischen“ trinkt man das eigens gebraute Vollmondbier. Dazu gibt es Wildlandjäger mit Brot, Bratknödelsuppe oder Käseseele. Es kann durchaus passieren, dass zwei Allgäuer Originale im Laufe des Abends zur Gitarre greifen und ein paar Lieder und Witze in Allgäuer Mundart zum besten geben – da ist „Verhocken“ fast vorprogrammiert. Wenn es einmal ganz dicke kommt, kann man zur Not noch in einem der zwei Zimmer (á 6 Betten) oder zwei Matratzenlager (á 15 Plätzen) übernachten (mit Frühstück ab Euro 19,90).

Bei der Skitour auf den Grünten gehts auch durch den Wald

Bei der Skitour auf den Grünten gehts auch durch den Wald

Irgendwann drängt die fortgeschrittene Stunde dann doch zum Aufbruch: Schuhe auf Abfahrtsmodus stellen, Stirnlampe auf, Skibrille an. Parkt das Auto an den Kammeregg-Liften, steht nun eine regelrechte Freeride-Abfahrt bevor. Nur das Zischen der Ski durch den Pulverschnee ist zu hören (ab und an noch ein glücklicher Jauchzer), bis das Auto viel zu schnell erreicht ist. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht verabschieden wir uns – und der Schreibtisch im Büro ist in Gedanken ganz, ganz weit weg.

Quickfacts:

Hütte: Grüntenhütte, 1477 m

Tourenstammtisch: Mittwoch

Start: Parkplatz Kameregg-Lifte oder Grüntenlifte in Kranzegg

Höhenmeter: 500 bzw. 600

Länge: 2,5 km

Abfahrt bis 22 Uhr möglich

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