Testberichte

Kletterschuhe Boreal Blade im Test

18.06.2012

Kletterschuhe Boreal Blade im Test

Vor zwei Jahren sah ich Boreal Blade zum ersten mal als Werbung in einer Zeitschrift. Damals war ich sofort sehr angetan von der Optik dieses Modells. Kurze Zeit später brachte Flo Murning, ein Film mit dem Namen “Reality Check” heraus in dem die österreichischen Kletterer das neue Boreal Modell auf die Probe stellten. Mein erster Eindruck beim Testen und Anprobieren im Laden war im Gegensatz zu meinen Erwartungen eher ernüchternd. Irgendwie gefiel mir Blade dann doch nicht so wie auf dem Werbeblatt im Klettermagazin. Doch jede verdient eine zweite Chance und so beschloss ich die als Kanten-Monster angepriesenen Kletterschuhe näher anzuschauen und im Kletterschuh-Test zu testen. Das Vertrauen in die Werbung wurde in folgenden Monaten nicht enttäuscht wie man im folgenden Testbericht sehen kann.

Optik, Verarbeitung

Schwarz Rot Weiß – optimal verteilt und in Szene gesetzt

Die Kletterschuhe Boreal Blade ist definitiv ein Hingucker. Die Farbkombination Rot-Weiß-Schwarz ist perfekt komponiert und verleiht der Optik neben dem gewissen Etwas, eine kleine Portion Schärfe. Während der hinterer Teil des Schuhs in Rot gehalten ist, bringt die weiße Toe Box etwas edles herein. Die breiten Klettverschlüße sind im kontrastreichen Zusammenspiel von weiß und schwarz thematisch stimmig gestaltet und runden das Design der Klinge ab. Der Kletterschuh Blade fällt definitiv auf ohne dabei übertrieben futuristisch zu wirken. Alles in einem gefällt mir die Optik außerordentlich gut, was immer ein wichtiger und notwendiger Schritt ist, um sich mit etwas anzufreunden.

Die Verarbeitungentspricht dem Ruf von Boreal. Alles ist sehr gut verklebt, vernäht und geschliffen. Die Art und Weise in der die spanischen Kletterschuhhersteller ihre Produkte fertigen, würde ich als robust bezeichnen. Der Schuh strahlt eher handfeste Qualität aus und wirkt weniger als ein filigranes Kunstwerk. An der einen oder anderen Stelle, sieht man ein Paar Klebespuren, die man bei italienischen Schuhmachern so nicht antreffen wird, aber alles in einem vermittelt Boreal Blade einen stabilen und haltbaren äußeren Eindruck. Besonders gut gefällt mir die Machart der voll gummierten Ferse.

Kaum Kleberreste, saubere und feste Nähte – vom Feinsten!

Da gehört schon was dazu das ganze Gummi so in Form zu bringen. Das Leder und die zur optischen Gestaltung angebrachten Elemente sind ebenso perfekt gearbeitet und mit einander verbunden. Dabei wirkt er trotz der ganzen Robustheit, dennoch wie ein hochwertiger Performance Kletterschuh und nicht wie ein klobiger Holzschuh. So dass ich Boreal in Zukunft im internationalen Qualitätsvergleich mehr Beachtung schenken werde.

Konstruktion

Alles ist so massiv konstruiert, dass eine feste Struktur quasi Pflicht ist

Die Konstruktion, wie man sieh beim Kletterschuh Boreal Blade vorfindet ist in Spanien eine Sache der Tradition. Ich kenne bis jetzt kein Modell von Boreal, dass mit künstlichen Materialien oder Halbsohlen Technologie auftrumpfen würde. Nein, in Spanien hält man sich am Konzept der durchgehenden, Sohle und verarbeitet weiterhin erstklassiges Leder in den Kletterschuhen. Blade stellt keine Ausnahme von dieser Regel dar. Die recht dicke und steife Sohle aus FS-Quattro ist ein echtes Brett und mündet hinten in der IRS-Ferse. Die Zwischensohle hat eine sensitive Stelle unter dem großen Zeh und sorgt so für den nötigen Grad an Härte. Die besagte Ferse ist voll gummiert und weist ebenfalls eher festen Aufbau. Die Skyhook ähnlichen Gummidetails auf der Rückseite des Schuhs bieten beim Hooken interessante Optionen und sind sinnvoll angebracht. Der Kletterschuh ist nur einwenig vorgespannt, ein Downturn fehlt gänzlich. Im Zehenbereich der Innensohle kann man einen kleinen Hügel erahnen, der allerdings auf den härteren Rand der Sohle zurückzuführen ist und weniger ein P3/TPS Derivat ist. Diese härtere Hufe im Zehenbereich sorgt für super Kantenstabilität, was man gleich beim ersten Antreten zu spüren bekommt. Der Leisten ist mittelbreit und hat eine leichte Asymmetrie. Die Zehenbox ist recht hoch und sieht aufgestellte Zehen vor. Sie hat bereits eine Ausbuchtung nach oben und wirkt wie vorgedehnt.

Das Futter sorgt für eine verlässliche Formbeständigkeit

Der Übergang von der Zehenbox zum Spann ist recht flach, was einen steilen Winkel beim Einsteigen erzeugt. Das quer verlaufende Gummiband an dieser Stelle soll das Weiten verhindern und hält diesen Bereich “straff”. Leider fehlt eine Zehengummierung für eine bessere Toehook Performance. Auffällig sind die vergleichsweise hohen Randgummi´s die zusammen mit dem hinteren Teil des Kletterschuh´s eine ordentliche Summe an Gummi ergeben und für eine feste Struktur sorgen. Das Tradition nicht immer das beste ist, zeigt der obere Fersenrand. Dieser ist leider ohne Abschluss, was ein recht hartes steifes und kantiges Ergebnis mit sich bringt und meiner Meinung nach Abstriche beim Komfort erzeugt. Ebenfalls suboptimal bewerte ich für mich die faltbare Zunge aus Meschgewebe. Diese kann an ihren Faltstellen beim hohen Rist für unangenehme Druckstellen sorgen. Positiv ist die Anordnung und Funktionalität von Klettverschlüßen, die den Kletterschuh fest an eigenem Fuß verzurren und beim Klettern nicht aufgehen. Der einzige Nachteil sind die Boreal Logos, welche den Abschluss des Klettbandes bilden und ein Rausziehen des Bandes aus der Öse verhindern. Das macht ein vollständiges Öffnen des Schuh´s nicht möglich. Wie man sieht bietet die Spanische Kletterschuh Schmiede sehr viel Technologie in ihren Modellen. Dabei sind die Innovationen ein Produkt eigener Entwicklung, was ich persönlich, trotz einiger “Nachteile”, sehr positiv bewerte.

Passform und Größe 

Die Asymmetrie und die Vorspannung sind mittel, was für eine nicht zu aggressive Passform sorgt

Bei der Größenwahl des Kletterschuhs Boreal Blade ist es wichtig eins zu wissen. Die UK Größen sind zwar in ½ Schritten, die dazugehörigen EU Größen sind jedoch nur in ganzen Schritten zu haben. In der Praxis bedeutet es, dass die 8,5 UK wie 42,5 EU ausfällt und 9 UK wie die 43,5 EU. Somit kann 8,5 UK etwas zu knapp und 9 UK etwas zu “locker” sitzen. Da ich wusste, dass Blade ein harter und stark strukturierter Kletterschuh ist entscheid ich mich für meine Strassenschuhgröße (9 UK). Enttäuscht wurde ich nicht. Größer hätte ich den Blade zwar nicht wählen können, aber die 43,5 UK saß überraschend passend. Die Zehen wurden aufgestellt, Luft in der Spitze hatte ich keine und die Ferse saß auch vernünftig. Blade verursachte bei mir keine einzelnen unangenehmen Druckstellen und saß in dieser Komfortgröße von Beginn an so, dass ich sofort in die 50 Meter Seillängen einsteigen konnte. Die vorgeformte Zehenbox hatte nur an einer Stelle einen nicht ausgefüllten Raum – direkt neben dem großen Onkel.

Die Zehenbox ist so vorgeformt, dass auch die griechischen Fusstypen zu Recht kommen sollten

Diese Tatsache zeugt von der Eignung dieses Models für Kletterer mit den überlangem zweiten Zeh (griechischer Zeh). Ich mit meinem quadratischen Fuß hatte jedenfalls eine überraschend gute Passform vorgefunden und hatte auch keine Probleme mit dem abgedrängtem großen Zeh (Hallux Valgus), obwohl der Schnitt dieses Modells deutlich Richtung Fußmitte tendiert. Im Mittelfussbereich saß Blade sofort satt am Fuß und konnte dank der wirklich griffigen Velcros schnell an und ausgezogen werden. Einziges Problem beim Anziehen stellt der kantige Abschluss des Fersenrandes, der für eine Extrareibung beim Anziehen sorgt und das lockere reinrutschen verhindert, dar. Ein weiteren Abstrich in Sachen Komfort musste ich bei der Zunge machen, diese aus meiner Sicht viel zu großflächige Zunge bildet unvermeidlich Falten. Dort wo diese Falten sich unter dem Velcro befinden, musste ich nach einiger Tragezeit Druckstellen feststellen. Da ich bei anderen Boreal Modellen (Krypto) keine solchen Probleme hatte, liegt es wohl an der Konstellation von Größe und Passform dieses einzelnen Modells. Etwas nervig wird diese Sache in meinem Fall erst nach 15 min Klettern, so dass es kein Beinbruch darstellt. Mit der Zeit verschwand das Problem jedoch gänzlich.

Das schmale Gummiband schützt die Querspannung im Schuh

Blade ist ein mittel breites Modell und könnte bei Leuten mit sehr schmalen und dünnen Füßen weniger optimal sitzen. Da empfiehlt sich an Größen unterhalb der Straßenschuhgröße zu orientieren. Insgesamt dehnt sich Blade im Gegensatz zu anderen Boreal Modellen deutlich weniger. Mit meiner Größenwahl bin ich jedenfalls selbst nach Monaten intensiven Kletterns zufrieden und würde den Blade für meinen Zwecke (längere Routen) nicht kleiner kaufen. Kletterer mit anderen Zielsetzung oder ausgeprägten Schwitzleistung der Füße sollten an ihrem Erfahrungsschatz mit Kletterschuhen aus Leder festhalten. Boreal Blade ist ein bemerkenswert bequemer Performance Kletterschuh mit wichtigen Optionen für Menschen mit problematischen Fußformen.

Performance – wie klettert sich der Boreal Blade

kleine Käntchen in der Senkrechten sind ein gefundenes Fressen für die Leisten-Maschine

Wenn man nicht so viel erwartet, wird man bekannter Weise auch nicht enttäuscht. Beim Boreal Blade habe ich nicht so viel erwartet – und wurde völlig von den Socken gehauen. Obwohl dieser Kletterschuh recht runde Spitze hat konnte ich mit ihm alles erstaunlich präzise und direkt antreten. Von Mulde über Loch bis hin zu kleinen Käntchen stand ich mit dem Blade super stabil und sicher auf Anhieb. Dabei muss man bei diesem Modell das Treten nicht neu erlernen, sondern macht es auf eine natürliche Art und Weise. Die recht steife Sohle bietet beim Stehen auf kleinen Tritten langfristig super Unterstützung und lässt die Fußmuskeln nicht so schnell ermüden. Das unter der Steifigkeit und Härte oft leidende Gefühl ist im Fall von Blade erstaunlich gut.

So lange das Gummi sauber ist, ist die Reibung für so eine harte Sohle Top

Dieser Kletterschuh kommt bei der Kombination von Stabilität und Sensibilität zwar nicht ganz an den Anasazi Lace Up, reiht sich jedoch in der Abteilung Leistenkiller direkt hinter diesem ein.  Natürlich hat solch ein konstruierter Kletterschuh auch Nachteile. Schwierige unförmige und abschüssige Tritte sind zu Beginn ein echtes Problem, da man mit der steifen Sohle keinen optimalen Formschluss herstellen kann. Da man mit lediglich einer kleinen Fläche Kontakt zum Tritt hat entscheidet nur noch der Reibungswert von FS-Quattro über das Stehenbleiben, oder das Abrutschen. Da FS-Quattro dank der super Reibung recht schnell mit Staub, Dreck etc. eine Verbindung eingeht, rutschte ich anfangs sehr oft von solchen schlechten Tritten ab. Des Weiteren ist das Ziehen und Greifen mit dem Fuß sehr begrenzt möglich, was ein Angeln von Tritten in Überhang nicht unbedingt einfacher macht. Insgesamt funktionierte Blade in allen von mir erlebten Situationen sehr gut und half mir in jedem Gelände immer sehr viel Gewicht auf die Füße zu bringen. Senkrechtes und leicht überhängendes Gelände sind dabei sein bevorzugtes Jagdgebiet.

Das Hooken ist wirklich Spitze! Bis jetzt hielt ich mit dem Blade jeden noch so fiesen und schmerzenden Hooken ganz locker

Sehr gut fand ich das Hooken mit diesem Modell. Die durchdacht geformte und stabil gefertigte voll Vollgummiferse schafft neben einer guten Verbindung mit dem Hook vor allem eine Wahnsinns Kraftübertragung. Im Endeffekt beläuft sich das Hooken darauf die Ferse auf die Hookfläche zu “schmeißen”. Der Rest übernimmt der Blade fast von alleine. Im Ernst: alle meine Problem-Testhooks konnte ich mit diesem Boreal Kletterschuh ohne jegliche Schwierigkeiten belasten und halten. Der Fuß bleib dabei ohne jegliche Bewegung im Schuh und konnte sich über guten Schutz freuen. Diese anfängliche Erfahrung zieht sich durch das gesamte Leben des Blade´s durch und sorgt dauerhaft für gute Laune beim Hackeln.

Das Toe-Hooken ist ok. Für härtere Boulder fehlt Blade imho einiges an Gummi auf der Zehenbox

Die Toe-Hooks sind im Prinzip wie bei allen Boreal´s – ist die Größe nicht zu klein, kann man die Hooks gut umklammern und den steilen Winkel zwischen dem Fuß und Unterschenkel aufbauen. Das Problem stellt lediglich die Haftung des Leders dar. Diese ist bei einem Velcro ohne Schnürung im Zehenbereich zwar ganz gut, aber mit Gummi nicht vergleichbar. Eine ordentliche Zehengummierung ist daher meiner persönlichen Meinung nach bei allen Boreal Modellen lange fällig.

Mit den vorhandenen Hook Eigenschaften ist Blade ein sehr vielseitiger Kletterschuh, der sowohl bei modernen Routen, als auch Bouldern extrem guten Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Haltbarkeit

Das recht weiche FS-Quattro ist nicht das haltbarste Gummi der Welt, die Reibungseigenschaften sind jedoch enorm

Boreal ist ein Hersteller, der für ordentliche Haltbarkeit bekannt ist. Die recht dicke Sohle hält lange, obwohl FS-Quattro im Vergleich zu Konkurrenz nicht das langlebigste Gummi ist. Sich ablösende Gummiteile, durchgescheuerte Velcros oder aufgehende Nähte sucht man auch nach Monaten vergebens. Die Fertigungsqualität ist so nachhaltig, dass Blade ohne Probleme mindestens zwei Wiederbesohlungen mitmacht. Meine Erfahrungswerte mit dem Blade sind sehr positiv. Dieser Kletterschuh bekommt im Mexed-Einsatz (Fels und Kletterhalle) in etwa gleich schnell einen Loch vorne in der Spitze wie die Konkurrenten in seiner Preisklasse. Wenn Boreal weiter an der Formel des Gummis forschen sollte und ein Mischung findet, die noch haltbarer ist als FS-Quattro gehören die Kletterschuhe dieser Marke in Sachen Haltbarkeit zu der absoluten Spitze.

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Die Klettverschlüsse machen eine super Job, die Zunge bleibt Geschmacksache

Boreal Blade ist wirklich Spitze wenn es um das lange und wiederholte Stehen auf kleinen Tritten geht. Die Gesteinart ist dabei nicht so wichtig wie die Steilheit der heimischen Felsen. Da in Deutschland mit Masse senkrechte bis leicht überhängende Wände (mit Ausnahme der “fränkischen Dächern”) dominieren macht man mit dem Blade hier zu Lande nichts falsch. Für Sandstein und Reibung im Harz ist Blade zwar etwas steif, mit der Zeit wird er aber auch hier besser.  Auf noch so kleinen, bissigen Tritten überzeugte mich dieser Kletterschuh dennoch voll und ganz. Wenn man nicht nur in Fontainbleau bouldert wird der steife und unflexible Sohlenaufbau für den einen oder anderen zum Entscheidungskriterium. Ich fand den Blade in gängigen Überhängen recht ordentlich und lediglich bei richtig steilen Sachen etwas suboptimal. Dank seiner Hook-Qualitäten ist er für mich persönlich ein Allrounder mit der Stärke im senkrechten und plattigen Gelände.

Fazit

Alles in einem ein sehr gelungener Schuh, der auf kleinen Tritten sich richtig bezahlt macht

Der Kletterschuh Boreal Blade ist ein präzises Instrument, das ein hohes Maß an Kontrolle in kniffligen technisch-anspruchsvollen Situation ermöglicht. Dabei ist dieses Modell erstaunlich bequem und bietet eine vielseitige Passform für verschiedene Fussformen. Die Performance ist auf stabiles, leichtes Stehen auf kleinen Tritten ausgerichtet. Trotz dieser Spezialisierung ist Blade dank der tollen Ferse eine guter Kompromiss für die meisten Boulder und steile boulderlastige Routen. Dieser Kletterschuh überraschte mich wirklich sehr stark positiv und bescherte mir ein sicheres Gefühl beim Balancieren auf kleinen Tritten weit über dem Boden/Hacken. Mit etwas Umsicht bei der Größenauswahl bekommt man mit dem Blade einen treuen und verlässlichen Partner für viele Klettertage am Fels und in der Halle.

 

 

Neuer Kommentar

Deine Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!

*


*