Testberichte

Kletterschuhe Boreal Krypto

11.02.2011

Kletterschuhe Boreal Krypto

Boreal Krypto soll die Lösung für “maginale” Tritte sein. Was der Spanier tatsächlich kann und ob der Name Programm ist zeigt nur der Praxis check.

“Unverschlüßelte” Tradition

Grün. gestreift, hübsch – die Optik ist gelungen

Boreal ist ein Urgestein in der Kletterschuherstellung und setzte in der Vergangenheit Trends in Sachen moderner Fußwerkzeuge. Doch die Zeiten in denen jeder einen Laser oder Ninja haben musste sind nun doch schon etwas her.

In den heutigen Kletterszene dominieren vor allem Dingen die Italiener (allen voran La Sportiva) vor den Amerikaner und dem spanischen Traditionshersteller Boreal.

Ich persönlich habe mich schon oft an Boreal Kletterschuhen versucht und war mehr oder weniger unzufrieden mit der Passform und den Eigenschaften von diversen Modellen. Besonders die bullige und steife, unbequeme Ferse war mir ein Dorn im Auge. Nach langer Zeit der Vergessenheit tauchte Boreal auf meinem Kletterschuhradar wieder auf: und zwar mit dem neuen Boreal Krypto. Versprochen wurde einmalige Performance auf sehr technischen Tritten. “Genau das richtige für Kochel und Umgebung”, dachte ich mir und bestellte kurzer Hand das bis dato unbekanntes Objekt. Als was sich der Krypto herausstellte, soll nun zusammengefasst werden.

Optik, Verarbeitung

Gleich vor weg: die Optik der Boreal Kletterschuhe sprach mich immer an. Egal ob Crux, Falcon oder Blade, die spanischen Designer schafften es immer wieder mein Schönheitsempfinden anzuregen. Krypto bildet da keine Ausnahme und hält mit seiner grün- schwarzen Streifen-Optik Einzug in mein Herz. Auffällig, peppig aber dennoch kein Faschingsutensil – so mag ich das.

Die Verarbeitung ist Tip Top

Die Verarbeitung ist wirklich super. Da es mein erster Boreal ist, habe ich beim “Kennenlernen” ganz genau hin gekuckt. Zu meinem Erstaunen konnte ich keine Produktionsfehler oder Schwachstellen in der Umsetzung finden. Das Leder des Oberschuhs ist qualitativ hochwertig, funktionelle Details (Klettverschlüße) und Gummierungen sind super geklebt und gehen sauber in andere Materialien über. Die Sohle ist einwandfrei geschliffen und sehr sehr klebrig. Alles in einem bewegt sich der Boreal Krypto auf dem selben hohen Niveau wie ein La Sportiva Katana, was in meinen Augen schon eine kleine Auszeichnung ist. Insgesamt vermittelt der Schuh ohne ihn angezogen zu haben, bereits Haltbarkeit, Performance und Komfort. Nicht schlecht.

Konstruktion

So geheimnisvoll der Name “Krypto” klingen mag, so bekannt/bewährt ist die Konstruktion dieses Kletterschuhs. Es handelt sich um einen mäßig asymmetrischen Velcro mit zwei Klettverschlüßen einer durchgehenden Sohle und klassischen Sohlenspitzen Lösung. Das Leder ist sehr weich und sieht Platz für aufgestellten Zehen vor. Die (mind.) 4mm dicke FS-Quattro Sohle geht nicht wie üblich in die Fersengummierung über sondern endet an der Ferse. Trotz der sehr starken Sohle ist Krypto unter den Zehen extrem weich. Das liegt natürlich auch am Einschnitt in der Mittelsohle. Einzig die Kanten sind härter und versprechen Kantenstabilität.

Klettverschluss ist am Ende dünn und lässt sich schwer lösen

Die Klettverschlüße leisten gute Arbeit, jedoch sind sie ziemlich dünn und am Ende ohne jeglichen Abschluss, was beim Aufmachen für etwas Fummeln sorgt und auf die Nerven geht. Die Vorspannung und Downturn halten sich sehr in Grenzen, in dieser Kategorie fällt Krypto ähnlich wie die anderen “neuen” Boreal Kletterschuhe aus. Ebenso die Asymmetrie: Krypto ist da irgendwo zwischen La Sportiva Miura und Katana anzusiedeln.

Die Ferse ist eine vollgummierte Variante der IRS-Konstruktion Serie von Boreal. Im Unterschied zum Storm hat die Kryptoferse jedoch keine Hacken auf dem Sohlenausläufer die Skyhook mäßig beim Hooken eingesetzt werden können. Die Gummierung hat überall kleine Dellen und ist insgesamt weicher als die ebenfalls voll gummierte Ferse des Jet 7. Die Fersenvorspannung ist nicht sonderlich stark, es gibt auch keinen festen Rand, dennoch sitzt die Ferse stramm und übt ausreichend Druck nach vorne aus.

Der Leisten ist definitiv nicht schmaler als der von Boreal Storm. Ich würde ihn aber auch nicht als breit bezeichnen, denn mein breiter quadratisch-germanischer Fuß

Die Asymmetrie ist erkennbar, interessant ist die Glätte der Sohle nach hinten hin

musste sich dem Leder entgegenstellen, um Platz zu bekommen. Die Zehenbox ist definitiv für das Aufstellen der Zehen ausgelegt. In meiner Minimal Größe hat der Krypto in der Leder-Zehen-Box Ausbuchtungen, um die aufgestellten Zehen unterzubringen. Das FS-Quattro Gummi, ist wirklich sehr klebrig, im Mittelfußteil ist dieser jedoch glatter, was ich auf eine “Beschichtung” (?) schiebe. Das Ganze stört kein bisschen, da man in diesem Bereich im Normalfall nicht antritt.

Die “spezielleSpitze tritt beim ersten Hinsehen/Fülen nicht in Erscheinung. Trotz des Namens hütet dieser Kletterschuh für mich kein innovatives Geheimnis, sondern ist eher eine Mischung bisher da gewesenen Modellen von Boreal.

Passform und Größe

Die Zehenbox passt sich vielen Fußtypen an

Überraschender Weise war die sehr optimistisch gewählte Größe 7,5 UK optimal. Denn die Zehen waren zwar stark aufgestellt aber der Krypto tat dank des weichen Leders nicht weh. Das Leder passte sich zudem sehr schnell dem Fuß an und gab bereits nach dem ersten Tragen spürbar nach. Aus diesem Grund macht es Sinn, diesen Boreal Kletterschuh klein zu kaufen und dabei die spätere Dehnung einzukalkulieren. Krypto passte mir von seiner Leistenform her erstaunlich gut. Da mein Fuß mit seiner germanischen Form besser mit asymmetrischen Kletterschuhen klarkommt, als mit geraden Schnitten, fühlte er sich in diesem Spanier sofort wohl. Ich musste zwar schon ordentlich Drücken und Ziehen, um die Ferse als letztes in den Schuh zu bekommen, aber als ich drin wahr, fühlt sich der Krypto sofort gut an. Keine Hotspots, kein Druck auf die Achillessehne (was mich persönlich etwas überrascht hat, denn der Fersenandabschluss ist etwas hart gestaltet), kein Schmerz bei den aufgestellten Zehenknöcheln, keine Verspannung im Mittelfußbereich durch den extremen Downturn. Alles in einem sehr ausgeglichen und selbst hauteng gewählt, doch komfortabel genug um am Stück 20 min zu bouldern.

Die Zunge wirkt zwar wirklich groß, sie lässt sich jedoch gut falten ist bequem und stört nicht

Ganz an die Komfort/Passform Werte von einem Andrea Boldrini kommt Boreal Krypto zwar nicht ran, aber er ist mindestens genauso bequem wie ein Moccasym von Five Ten, (für mich) mit dem Plus an besseren Leistenform. Erstaunlicher Weise war die halbe Größe größere Variante nicht unbedingt bequemer.

Die 8 UK hatte ein Paar Hotspots im Zehnbereich und deutlich mehr Luft in der Ferse. Zudem merkte ich das die 8 UK Ausführung meinen Fuß in der Mitte nicht stark genug vorspannt und so etwas weniger Druck auf der Spitze landet.

So oder so kann ich aus meiner Perspektive nur positives über die Passform und Komfort bei der Minimal-Größe berichten und denke, dass die 7,5 UK für mich auf lange Sicht mehr Sinn macht, da der Krypto sich ordentlich dehnen wird. Somit kann ich diesen Kletterschuh allen Zehenform Typen empfehlen, denn durch das Leder ist eine persönliche Anpassung gegeben. Sind die Füße jedoch sehr dünn oder sehr breit kann es natürlich zu Abweichungen von dem hier Beschriebenen kommen.

Für mich ist der Krypto der erste Kletterschuh von Boreal, der mir so gut passt, dass ich ihn im Dauergebrauch den anderen (La Sportiva, Scarpa, Five Ten) vorziehen würde. 5 Sterne – alles passt und sitzt ohne zu drücken und zu wackeln!

Performance – wie klettert sich der Boreal Krypto

Die Spitze ist zwar dick aber unglaublich sensibel

Neben der Passform ist die Performance für die meisten der ausschlaggebende Punkt bei der Bewertung von den Kletterschuhen. So gut der Mago mir auch passt, so sehr vermisse ich bei ihm eine härtere Kante, die ein stabileres Stehen im Senkrechten erlaubt. Somit war ich im Vorfeld sehr gespannt was der Krypto im Reich der Microtritte ausrichten kann. Als ich ihn auspackte und zum ersten mal anfasste, war ich sogleich skeptisch gestimmt, denn bei einem Kletterschuh für fußtechnisch anspruchsvolle Klettereien stell ich mir immer einen harten aber sensiblen Schuh (wie Ansatz Blanco oder Scarpa Spectro) vor. Krypto dagegen ist weich und war überall: Obermaterial, Fersengummierung, Sohle flexibel, selbst die Klettverschlüße sind nicht sonderlich starr.

Beim ersten Antreten verflog meine Skepsis jedoch völlig, denn ich konnte miese und unförmige Spax mit einem super sicheren Gefühl, treffen und belasten. Meiner Meinung nach ist das Gefühl in solchen Tritt-Situationen von entschiedenen Bedeutung. Fühle ich den Tritt und kann durch die weiche Sohle einen Formschluß mit dem “NIX” herstellen, habe ich keine Angst mehr abzuschmieren, weil der Fuß an das Gehirn meldet: “Alles Gut - ich habe ihn!”. Verantwortlich dafür ist ganz sicher die eingeschnittene Mittelsohle, was man unter dem großen Zeh beim Belasten auch spürt. Sehr gute Arbeit leisten die etwas härteren Kanten der Sohle beim Kontakt mit unförmigen Tritten – sie verformen sich erstmals nicht und beißen sich dank des sehr griffigen Gummis in die Strukturen förmlich rein. Die Reibungseigenschaften der Sohle sind wirklich phänomenal. Man merkt aber auch, dass diese etwas in den Keller gehen, sobald die Gummiporen mit Staub, Dreck, Kalk etc. zugesetzt sind. Aus meiner Sicht ist FS-Quattro von Boreal mindestens so “klebrig” wie das XSGrip2 von Vibram, wenn nicht noch klebriger – aber auch dass ist eine Geschmack- und Überzeugungssache.

Das Balancieren auf kleinen abschüssigen Spax kostet natürlich Kraft im Fuß und Zehen, da hilft auch die “Minimalgröße” nicht ewig weiter. Mehr Unterstützung als der Speedster bietet der “dickere” Krypto allemal, so dass ich alles Antreten und Stehen konnte was ich wollte, nur eben nicht ewig lange.

Das Graben und Saugen mit den Zehen funktioniert bis zu einem Gewissen Grad echt gut, im Dach und starken Überhang (ca. 50°) vermisse ich persönlich den Downturn ziemlich. Ein Zehenunterstützungssystem würde diesem

Die Ferse ist clever gummiert und ausreichend eng im Sitz

Kletterschuh ebenfalls gut tun und ihn in meinen Augen ordentlich aufwerten. Trotz dieser Kritik habe ich den Krypto und die Art und Weise mit ihm zu Treten und zu Ziehen vom ersten Moment an gemocht, daran hat sich auch nichts geändert. Für mich ist die Performance ausgeglichen, Krypto kann bei genügend Strom alles. Seine Stärke hat er jedoch in der Sensibilität und der “ ” an schlechte Tritte.

Hooken mit der Ferse funktioniert wirklich Prima, die Ferse ist für mich die perfekte Mischung zwischen der Harten und nach unten hin breiteren Miura Ferse und den schmalen, weicheren Five Ten Jet 7, Team etc. Ferse. Die weiche, klebrige Gummierung die nachgebende Form liessen mein Hook-Freund-Herz höher schlagen, als ich im (bis jetzt) jeden Hook hängen blieb und die Schlüsselstellen so lösen konnte.

Die Hackelei mit den Zehen fällt leider nicht so positiv aus. Durch die stark aufgestellten Zehen und die minimalgrößenbedingte Spannung des Fußes ist ein umklammern von Hookformen nicht möglich. Die fehlende Gummierung der Zehenbox, kann dieses konstruktionsbedingte Manko nicht ausgleichen. Deshalb kommt Krypto in dieser Kategorie nicht über das “Befriedigend” hinaus.

Dennoch ist dieser Schuh aufgrund seiner Sensibilität, super Spitze und wirklich starker Ferse ohne viel Schnick-Schnack, ein ausgewogenes Modell der in den 90% der Kletterstellen voll überzeugt und sehr viel Freude beim Klettern bereitet.

Haltbarkeit

Das meiste was man über die Haltbarkeit in Wort und Schrift vermittelt bekommt, bezieht sich auf den Verschleiß der Sohle an der Spitze. Es ist auch nicht verwunderlich, denn dieser Bereich ist in der Tat das erste was an einem Kletterschuh den Geist aufgibt und das Klettervergnügen merklich mindert. Doch die Sohle ist nicht alles. So konnte ich bei Scarpa Modellen der Steep-Line die Erfahrung machen, dass Obermaterial schneller verschleißt als die Sohlenspitze. Im Grunde ist es genau so dramatisch, denn eine Wiederbesohlung macht wenig Sinn, wenn der große Onkel oben rausschaut.

Die Haltbarkeit von Krypto würde ich deshalb nicht nur an der Sohle festmachen wollen. FS-Quattro ist ein weiches und sehr reibungsstarkes Gummi, wie bei allen weichen Gummimischungen hält FS-Quatro nicht ewig. An die Lebensdauer von Evolv oder an XSGrip  Gummi kommt er jedoch ohne weiteres ran.

Der Gummistreifen soll eine übermäßiges Weiten verhindern, eine ordentliche “Anpassung” sollte man jedoch einrechnen

Im Klartext heißt es, dass Krypto kein Schuh zum ewigen “Rumschrubben” an rauen Kunstwänden ist. Die Haltbarkeit der Sohle ist beim normalen, gekonnten Gebrauch wirklich gut. Rutscht man aber oft ab und hinterlässt 10 cm lange schwarze Streifen an der Wand, bevor der Fuß auf einen Tritt stößt, dann sollte man sich nach etwas anderem umschauen.

Das Obermaterial ist feinstes, hochwertiges Leder und hält mindestens eine Wiederbesohlung durch. Alles andere was an diesem Kletterschuh verbaut ist (Klettverschlußösen, Fersengummierung etc.) hinterlässt bei mir einen sehr positiven Eindruck. Ich gehe fest davon aus, dass der Krypto in seinem “ersten” Leben, keinen Klettverschlussabriss oder Gummiablösung erleiden wird – dafür ist die Qualität der Verarbeitung und Materialien einfach zu gut.

Alles in einem ein gut haltbares Produkt, das ohne weiteres mit anderen europäischen Herstellern mithalten kann.

 

Empfehlung/Einsatzbereich/Klettergebiet

Wie mit jedem Kletterschuh, kann man mit dem Boreal Krypto alles anstellen, oder überall abschmieren. Ich persönlich nutze den Krypto für steile Routen und richtig schlechte Tritte. Jeder der Sensibilität bei Kletterschuhen liebt, wird hier glücklich werden und viel Freude haben. Mit sauberen Sohle spielt es beim Krypto auch keine Rolle, ob man auf dem Speck in Arco, Kochel oder am Weißenstein in Franken steht, diese klebt bis man den Fuß losreißet. Mit noch weicher werdenden Sohle und rausgehenden Spannung wird es mit der Zeit nicht einfacher werden auf Micros in Platten rumzustehen, aber im Überhang wird das Greifen umso besser. Daher kann ich ohne Bedenken, den Krypto sowohl für das Training, als auch für anspruchsvolle Projekte am Fels empfehlen. Zehenpower ist dabei wie immer vom Vorteil, aber bei weitem keine unabdingbare Voraussetzung.

Die Vorspannung ist eher moderat, Downturn fehlt gänzlich

Fazit

Boreal Krypto ist als die Neuerscheinung keine alleinstehende Neuheit am Kletterschuhhimmel, sonder eher eine Mischung, aus Storm, Crux und dem Falcon. Als Mischung ist diese Schuh vor allem eins: ausgewogen. Er ist bequem, anpassungsfähig, sensibel und klebrig auf allen möglichen Tritten. Ohne den Downturn und stärkere Vorspannung ist Krypto für mich im starken Überhang nicht die erste Wahl. Für den Titel Allrounder reicht es wegen der nicht ganz so starken Unterstützung auf kleinen Tritten und mäßigen Toe-Hook Eigenschaften knapp nicht. Dennoch ist Krypto ein sehr gelungener und empfehlenswerter Kletterschuh, der bei mir nicht zuletzt wegen hohen Anpassungsfähigkeit des Leders punktet. Einer Eigenschaft die in Zeiten von Lorica und Cowdura Materialien für viele Leute mit besonderen Fußformen die einzige Wahl ist und oft unterschätzt wird.

Boreal Krypto ist aus meiner Sicht nicht geheimnisvoll aber dennoch verdammt gut.

Kletterschuh Videotest

Ein Kommentar

  1. Hallo,
    mein geliebter Krypto ist mittlerweile nach 4 mal neubesolen durchgeklettert.
    Kann mir bitte jemand nen Tipp geben was von der Bauform her in die gleiche Richtung geht.
    Danke
    Matz

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