Testberichte

Testbericht Kletterschuhe Boreal Storm

21.05.2012

Testbericht Kletterschuhe Boreal Storm

Der blaue Sturm aus Spanien ist schon eine ganze Weile unterwegs im deutschen Lande. Modernes auf das Bouldern und Sportklettern abgestimmtes Naturphänomen sollte es laut Beschreibungen sein. Ob sich das Versprechen von Boreal tatsächlich bewahrheitet und was hinter den Innovationen des Kletterschuhs Boreal Storm steckt, zeigt dieser Testbericht.

Optik, Verarbeitung

Die Optik ist edel und ruhig gestaltet

Der Kletterschuh Boreal Storm gehört zu denen Kletterschuhen, die ich persönlich als optisch neutral bewerten würde. Ich finde ihn weder besonders misslungen noch besonders herausragend. Die nette blaue Farbe bringt einfach so viel Ruhe in die Optik rein, dass die aus dem Namen hervorgehende Dynamik etwas verwässert wird. So erinnern mich die silbernen Blitze am Obermaterial ehe an vorbeiziehenden Federwolken, die am blauen Himmel vorbeiziehen, als an die Blitze eines Sturms. Ansonsten ist der Kletterschuh Boreal Storm ein Kletterschuh der gänzlich in der Boreal Tradition steht und auch so wirkt: solide, modern und durchaus technisch.  Der Name, die recht aggressive Erscheinung, sowie mit Hacken “verstärkte” Ferse passen auf jeden Fall überein und gleichen die ruhige Farbpalette in der Gesamterscheinung wieder aus. Waffenscheinpflichtig ist die Optik jedoch nicht. Die Verarbeitung ist 1A – mehr kann ich einfach nicht sagen. Wirklich Spitzenarbeit des traditionsreichen Herstellers aus Spanien. Alles was man betrachtet strotzt vor Qualität und steigert die Vorfreude auf den ersten Felskontakt. Die Machart ist zwar von etwas robusteren Form, das tut aber der erstklassigen Leistung der spanischen Fertiger, keinen Abbruch. Im Gegensatz Boreal typisch vermittelt Storm Haltbarkeit und verspricht lange Freude mit diesen Kletterschuhen. Einzig der auf Gummiband basierte Klettverschluss macht auf mich keinen besonders soliden Eindruck aber dazu später mehr.

Konstruktion

Bis auf den Verschluss bietet Storm wenig innovatives

In diesem Bereich ist der Boreal Storm ursprünglich bei mir in die Kategorie “Solution Plagiat” herein gerutscht. Das dies ein Fehler war, stellte sich schon bald heraus – und zwar beim zweiten genauen Blick auf die Form, Aufbau und Details. Ich denke die größte Innovation stellt das I-FIT Verschulßsytem von Boreal dar. Ob nun von Solution inspiriert oder nicht – dieses I-FIT System ist etwas gänzlich anderes. Es basiert auf 5 Punkten die mit einer Schnur verbunden sind. Die Spannung beim Verschliessen baut das Gummiband mit Klettverschluss in der Mitte auf. Der Clou an der ganzen Sache ist jedoch die Tatsache, dass man die Schnur in der Länge verstellen kann und so das gesamte System auf den eigenen Fuß anpassen kann. Wirklich Prima Sache, zudem das System sehr gut funktioniert. Als einzigen Schwachpunkte habe ich für mich die Stärke der Schnur und das recht labil erscheinende Gummiband des Klettverschlusses herausgestellt. Das man die Schnur im Falle des Falles austauschen kann ist eine Sache, ob es bei dem Preis sein kann eine andere. Bis sich das besagte Bandl jedoch verabschiedet, bliebt es nur meine Vermutung.

Die Sohle ist durchgehend die Form nur leicht asymmetrisch

Ansonsten ist Storm ein ganz leicht asymmetrischer Kletterschuh mit einem leicht-mittel stark vorgespannten Mittelfuss und der Ferse. Die Sohle ist ca. 4mm dick, steif (eine Zwischenstufe zwischen der Härte von Miura und Katana) aus obligatorischem FS-Quattro Gummi und ist durchgehend. Ab dem Mittelfuss wechselt die Sohlenbeschaffenheit von Glatt zu “profiliert”. Dadurch hat Storm in diesem Bereich ein bisschen was von einem Dinosaurier und wird zu einem Skyhook beim setzen von Hooks. Der Leisten erinnerte mich beim testen sofort an Katana: gerade, kein Downturn, mittelbreit, dicke recht steife Sohle. Im Unterschied zum Katana ist Storm ungefüttert und durch das weiche Leder von Beginn an extrem komfortabel. Die Zehen werden aufgestellt und drücken die dafür bereits vorbereitete Zehnbox ordentlich nah oben. Die IRS-Ferse ist zwar eine tolle voll gummierte Konstruktion aber oben am Abschlussrand für mein Geschmack etwas zu hart, was die sonst recht gemütliche Passform trübt. Was hier fehlt, ist eine Art kuscheligen Bund. Der Storm lässt sich weit aufmachen, so dass beim Test das Einsteigen kein Problem ist. Die recht breite Zunge wird gefaltet und sorgt im Spann für guten Sitz des Schuh´s ohne zu drücken. Die breiten, steifen Anziehschlaufen helfen immer wieder den Fuß in den Schuh zu bekommen, ohne dabei Ringbänder der Finger zu strapazieren.

Alles in einem ist Storm ein klassischer Kletterschuh mit modernen Details (Verschluss, Ferse).

Passform und Größe

Das Volumen kann dank Leder angepasst werden. Passform ist neutral und normal breit

Kletterschuhe aus ungefütterten Leder und besonders die Boreals sind ja bekannt für ihre Anpassungsfähigkeit. Sprich: Sie werden mind. eine Größe größer. Dennoch habe ich mich beim Boreal Storm für die UK 8 entschieden, die zwar eng sitzt aber den Fuß nicht extrem zusammendrückt. Zusätzliche Spannung im Fuß durch das Zusammendrücken aufzubauen ist auch nicht nötig, denn Storm ist steif genug. Ob ich mit der halben UK Größe kleiner auf lange Sicht besser bedient wäre, wird sich zeigen. Ich wollte meine Füße bewusst in Ruhe lassen und mal ein richtig gemütliches Paar anschaffen. Mit dem UK 8er Storm ist es mir eigentlich gut gelungen, denn bereits nach der ersten Bouldersession hat das Leder schon gut nahgegeben. Dieses Weiten sollte man beim Kauf unbedingt einrechnen. Will man nach 3 Wochen keine Alpinpatschen sollte man Leder Kletterschuhe von Boreal so eng wie möglich kaufen.

Die Zehenbox ist relativ hoch. DIe Zehen werden ordentlich aufgestellt

Die fast gerade Passform ist für mein “bannigen” germanischen Fuß nicht das Optimum, doch im Gegensatz zum Katana ist die Zehenbox nicht nur für  schmale, ägyptische Füße geschaffen, sondern bietet den römischen und auch (mit Dehnung) den griechischen Zehenformen von Beginn an gut Platz ohne zu breit zu sein. Die Ferse passt mir in der 8 UK zwar nicht saugend aber gut genug, um alles Hocken zu können. Etwas Luft in der Felsenspitze wird durch die Vollgummierung und die rechte harte Konstruktion ausgeglichen. Im Rist leistet das I-FIT wirklich gute Arbeit, so dass auch Füße mit weniger Volumen problemlos verstaut werden können. Insgesamt würde ich nach dem Test den Storm allen Fußtypen empfehlen, denn durch das Leder und den recht neutralen Schnitt kann man durch variable Größenwahl gute Ergebnisse bei der Passform erzielen.

Performance – wie klettert sich der Boreal Storm 

Mit dieser Spitze, lässt sich zwar ganz gut Klettern und auch Bouldern, sind ist jedoch ein Tick zu hart für starke Überhänge

Da ich ein absoluter Downturnfan und Liebhaber von Fußunterstützungssystemen (wie P3 von La Sportiva) bin, ist der Storm kein optimaler Schuh für mich. Wie bei der Passform schon erwähnt, drängt sich auch beim Treten ein Vergleich mit dem Altmeister Katana auf. Die Sohle ist zwar sehr dick und die Mittelsohle scheint keinen Ausschnitt wie beim Krypto zu haben, aber das Gefühl für den Tritt ist dennoch vorhanden. Mir kam Storm an der Spitze sogar etwas feinfühliger vor, als der alte Katana. Die Kantenstabilität ist da, die Reibung der Sohle ist echt gut. Allein die steife Sohle macht das Herstellen des Formschlusses auf komplexeren Reibungtritten schwierig. Mit der Zeit wird sie weicher und flexibler im Bereich des großen Zehs, was in manchen Situationen einen echten Gewinn bringt.

Durch den fehlenden Downturn überzeugten mich die Kletterschuhe Boreal Storm im Überhang und Dach nicht. Ich konnte zwar alles klettern aber es fühlte sich an, als würde man mit einem großen Fleischmesser eine Brezel mit Butter präparieren. Auch das wird natürlich mit der weicher werdenden Sohle besser. Mir persönlich bleibt Storm zu hart für problematische Tritte und das Greifen mit dem Fuß. In allen anderen Situationen stand Storm alles mit Bravour weg. Ein ganz klein wenig Downturn würde diesem Schuh, meiner Meinung nach ganz gut tun und ihn noch vielseitiger machen. Ansonsten kann ich nur empfehlen das Gummi der Sohle regelmäßig zu reinigen, denn nur so kann die Boreal eigene Mischung ihre bombastische Reibung entwickeln.

Ferse ist massiv und weist viel griffigen Gummi auf

Hooken mit der Ferse ist wirklich super. Die “Dinosaurier-Ferse” mit ihrem griffigen Profil leistet ganze Arbeit und bleibt überall hängen. Die Verklebungen sind so solide und die Platzierung der Gummistreifen so gut überlegt, dass ich bis jetzt keine lästigen Ablösungen hatte und ehrlich gesagt nicht mal daran denke, dass so etwas irgendwann eintritt. Die IRS-Ferse war zwar durch die etwas vom Fuß abweichende Form anfangs gewöhnungsbedürftig, aber nach drei mal Hooken ist sie mein bester Freund geworden. Die Toe-Hooks sind dagegen durchschnittlich, da der Storm über kein Toe-Hook Patch verfügt. Je nach dem wie eng man diesen Kletterschuh wählt und wie stark die Zehen aufgestellt/zusammengedrückt werden, fällt auch das Toe-Hooken gut oder schlecht aus. Bei meiner “bequem” Variante kann ich nach einer Woche die Zehen ganz gut gegen den Rist anheben und so je nach Form den Hook “zu pressen”. Bei der 7,5 UK Variante wäre dies in meinem Fall deutlich schlechter möglich.

Alles in einem kann Storm aus meiner Sicht, solide Treten und Toe-Hooken, einzig die Ferse hebt sich mit ihrer Performance aus dem guten Mittelmaß heraus und liefert wirklich Spitzenergebnisse.

Haltbarkeit

Verschluss ist die einzige vermeintliche Schwachstelle in Sachen Haltbarkeit

Alles was den Schuh (ohne die Spitze) betrifft, lautet mein Urteil gut bis sehr gut. Die Spitze ist von der Haltbarkeit normal und die vermeintliche Schwachstelle am Verschlußsystem zeigt jetzt nach Wochen intensiven Gebrauchs keine wirkliche Abnutzung. Die Ferse macht keine Anstalten sich abzulösen und alles andere hat sich super dem Fuß angepasst. So dass ich die Haltbarkeit aus meiner jetzigen zeitlichen Perspektive, mit wirklich gut bewerten kann. Mal schauen wie lange die Spitze, den “Missbrauch” am Plastik mitmacht…

Empfehlung / Einsatzbereich / Klettergebiet

Für höchste Performance sollte Storm sehr eng genommen werden, dies erleichtert die Soannungsaufbau ohne den fehlenden Downturn

Je nach Vorliebe, könnte man den Storm ähnlich dem Katana als Allrounder bezeichnen. Mir persönlich fehlt das Greifen mit den Zehen und ein Toe-Hook Patch, um diesem Kletterschuh den “Titel” Alleskönner zu verleihen. Ein anderer wird die gerade Sohle und nicht ganz so asymmetrische Form lieben und diesen Schuh zur absoluten Allzweckwaffe erheben. Sowohl Plastik, als auch senkrechte Klettereien und Boulder sind ein Milieu in dem sich der blaue Sturm aus Spanien wohl fühlt. Für Franken fehlt mir persönlich etwas Downturn, für Kochel etwas mehr Feingefühl und Unterstützung auf kleinen Tritten, von daher ist Storm für mich relativ schwierig einzustufen. Ich urteile jedoch sehr hart, so dass die meisten mit dem Strom rund um zufrieden sein werden. Die Katana Liebhaber auf der Suche nach der Alternative sollten auf jeden Fall den Storm ausprobieren, denn er hat definitiv sehr gutes Potential.

 

Fazit

Das Pärchen ist ein Versuch auf jeden Fall wert wenn man keinen gesteigerten Wert auf den Downturn legt

Als eine eigenständige Erscheinung fegte Storm milde durch mein Boulderraum und überzeugte mich vor allem durch bequeme Passform, gutes Stehen auf Leisten und super Hooks. Die Möglichkeit das Leder des Schuhs an den eigenen Fuß anzupassen kommt allen Fußtypen zu Gute. Besonders für Katana Fans die bis jetzt Probleme mit der zu schmalen oder für sie nicht optimalen Form diesen Klassikers hatten, finden beim Storm eine echte Alternative, mit guten Performance und super Verarbeitung. Die Anpassung des Leders ist für alle Menschen mit problematischen Fussformen und sogar unterschiedlich großen Füßen ein Segen. Insgesamt ist Storm sein Geld wert und kann je nach Vorliebe ein Kletterschuh für alle Fälle sein.

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